Der Mai ist fast vorbei und es wird Zeit für die monatlichen Buchempfehlungen! Eines der Bücher das ich in diesem Monat gelesen habe, hat mir besonders gut gefallen – aber die anderen waren auch nicht schlecht. Diesmal ist echt (fast) kein schlechtes Buch dabei…

Die Biografie einer Maschine

Die wissenschaftliche Nachricht des Jahres war der erste direkte Nachweis von Gravitationswellen (siehe hier, hier und hier). Diese Entdeckung war nicht einfach; ganz im Gegenteil. Um das zu schaffen, was die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geschafft haben, waren Jahrzehnte an Arbeit notwendig. Und der Bau einer einzigartigen Maschine: LIGO. Das Laser Interferometer Gravitation Wave Observatory, dass auch die „Hauptperson“ im Buch „Black Hole Blues and Other Songs from Outer Space“ von Janna Levin ist

levin

Wenn man über die großen Entdeckungen der Vergangenheit schreibt, kann man sich ja meistens auf ein oder zwei Personen konzentrieren. Albert Einstein, Isaac Newton, Erwin Schrödinger, und so weiter. Aber in der modernen Forschung treten die Einzelpersonen in den Hintergrund. Hier sind die großen Projekte und Maschinen und Kollaborationen die aus mehreren Hundert bis Tausend Menschen bestehen die eigentlich Stars. Und es ist gar nicht mehr so einfach zu erzählen, wer verantwortlich ist. Wenn den Entdeckern der Gravitationswellen in diesem oder dem nächsten Jahr der Physik-Nobelpreis verliehen wird, wird es eine schwere Entscheidung werden. Und es werden Namen in der Öffentlichkeit auftauchen, von denen die meisten noch nichts gehört haben. Wer kennt zum Beispiel Reiner Weiss oder Ronald Drever? Die wenigsten, und außerhalb der Physik vermutlich niemand. Und doch waren es diese beiden, die gemeinsam mit Kip Thorne (der zumindest seit seiner Beratertätigkeit für den Film „Interstellar“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist) die Grundlage für den Bau von LIGO und die Detektion der Gravitationswellen gelegt haben.

In Janna Levins Buch erfährt man alles über diese Wissenschaftler und die vielen anderen, die an diesem grandiosen Projekt beteiligt waren. „Black Hole Blues“ ist erst vor wenigen Monaten erschienen und Levin (selbst theoretische Physikerin) hat es schon geschrieben, als der Nachweis der Gravitationswellen noch in der Zukunft lag. Das ist keineswegs schlecht – denn das Buch besteht hauptsächlich aus Gesprächen mit beteiligten Forschern und Besuchen von Levin an den verschiedenen Instituten. Und es ist äußerst interessant mitzuerleben, wie sehr sich all diese Menschen für das Projekt einsetzen ohne zu wissen, ob sie damit Erfolg haben werden.

Das Durchhaltevermögen von Leuten wie Weiss oder Thorne ist ebenfalls beeindruckend. Die ersten Ideen zum Bau eines Observatoriums wie LIGO entstanden in den 1960er Jahren und als Weiss und Drever damals ihre ersten Maschinen bauten, war ihnen absolut klar, dass sie damit noch keine Gravitationswellen nachweisen würden können. Aber sie wussten, dass es sich lohnen würde. Levin beschreibt auch die bürokratischen Hürden äußerst anschaulich die notwendig waren, um so etwas wie LIGO überhaupt finanziert zu bekommen und die Schwierigkeiten, so ein langfristiges Projekt ohne sichere Aussicht auf Erfolg zu organisieren.

Die Interviews die Levin mit Weiss, Drever, Thorne und all den anderen geführt hat, sind durchaus auch sehr persönlich. Man erfährt viel über die diversen Streitigkeiten, Rivalitäten, Freundschaften und Feindschaften die bei so einem großen Projekt zwangsläufig auftreten. Und man ist immer wieder erstaunt, dass so eine komplexe Maschine wie LIGO am Ende nicht nur gebaut wurde sondern auch funktioniert. Das Buch ist voll mit absurden Details – zum Beispiel dass die Tunnels in denen die Vakuumröhren von LIGO eingegraben sind, von Mäusen, Wespen und schwarzen Witwen bevölkert waren. Und dass die schwarzen Witwen chemische Stoffe absondern, die den Stahl der Röhren korrodieren…

Natürlich lernt man bei der Lektüre auch viel über die zugrunde liegende Physik: Was sind Gravitationswellen? Wie entstehen sie, wie wirken sie sich aus, was können wir daraus lernen? Es ist ein wunderbarer Überblick über ein faszinierendes physikalisches Projekt und eine wissenschaftliche Disziplin, die in Zukunft noch von großer Bedeutung sein wird. Oder, wie es Levin ausdrückt:

„It is a tribute to a quixotic, epic, harrowing experimental endeavor, a tribute to a fool’s ambition.“

Lest das Buch!

Die Biografie eines Spitzenläufers

Anfang des Monats habe ich schon von meiner Lektüre eines Buchs über die Geschichte des Marathonlaufs geschrieben. Das hat mich dazu animiert, noch ein paar andere Bücher zu diesem Thema zu lesen. Wirklich gut gefallen hat mir das kürzlich erschienene Werk „Endurance: The Extraordinary Life and Times of Emil Zatopek“ von Rick Broadbent.

zapotek

Der Name Emil Zátopek ist vielleicht auch Menschen bekannt, die sich nicht für Sport interessieren. Und seine Biografie ist auf jeden Fall lesenswert, egal ob man selber läuft oder nicht. Broadbent hat aber viel mehr geschrieben als nur eine Biografie, sondern einen Überblick über die Entwicklung des Laufsports. Neben Zátopek tauchen auch seine Rivalen aus anderen Ländern auf (Alain Mimoun, Chris Chataway, Gordon Pirie, …) und seine Vorgänger (Paavo Nurmi, etc). Und selbstverständlich lässt sich die Biografie von Zátopek nicht erzählen ohne auch ausführlich auf die politischen Bedingungen in der Tschechoslowakei und des gesamten Ostblocks nach dem zweiten Weltkrieg einzugehen. Zátopek war ein Volksheld, ließ sich vom kommunistischen Regime instrumentalisieren, setzte sich aber auch gegen die Obrigkeit zur Wehr und landete am Ende sogar als Gefangener in einem Uranbergwerk. Es ist eine faszinierende Geschichte, die man gelesen haben sollte. Und ich frage mich, ob jemals irgendwann noch einmal das schafft, was Zátopek 1952 bei den Olympischen Spielen in Helsinki geschafft hat und sowohl im 5000m-Lauf, als auch im 10.000m-Lauf und im Marathon Gold gewinnt…

Ebenfalls recht interessant war das Buch „Born to Run: The Hidden Tribe, the Ultra-Runners, and the Greatest Race the World Has Ever Seen“ von Christopher McDougall (auf deutsch: „Born to Run: Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt“). Es geht darin um das Volk der Tarahumara in Mexiko, in deren Kultur der Langstreckenlauf eine wichtige Rolle spielt und die – zumindest in diesem Buch – als die besten Langstreckenläufer der Welt beschrieben werden. McDougall beschreibt seine persönlichen Erlebnisse beim Versuch, Teil diese Laufkultur zu werden und probiert, von den Tarahumara zu lernen. Es ist ein nettes Buch, das interessant zu lesen ist. Aber für meinen Geschmack war es stellenweise ein wenig zu hysterisch und glorifizierend. Wenn McDougall das Barfußlaufen als Maß aller Dinge bewirbt und die Sportschuhhersteller als Bösewichte vergleichbar mit Zigarettenfirmen darstellt, die die Gesundheit der Menschen ruinieren um damit Geld zu verdienen… dann ist das doch ein wenig zu viel. Ein Beispiel:

„Running shoes may be the most destructive force ever to hit the human foot. Barefoot Ted [Ein Barfuß-Lauftrainer], in his own weird way, was becoming the Neil Armstrong of twenty-first-century distance running, an ace test pilot whose small steps could have tremendous benefit for the rest of manking.“

Ein bisschen weniger hätte es da auch getan; barfuß zu laufen mag zwar sicher nett sein, aber sich die Schuhe auszuziehen ist jetzt nicht unbedingt mit dem ersten Schritt auf dem Mond vergleichbar…

In dem Stil geht das Buch weiter, aber es ist eigentlich trotzdem nett zu lesen. McDougall beschreibt die Abenteuer, die er mit Läuferinnen und Läufern überall auf der Welt erlebt hat und am Ende findet dann tatsächlich noch ein Rennen mit den Tarahumara in Mexiko statt. „Born to Run“ macht auf jeden Fall Lust aufs Laufen und ob man dabei Schuhe trägt oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen.

Engel, Götter, Zombies und andere Fantasy

Neben den oben erwähnten Sachbüchern habe ich auch noch ein bisschen Fantasy-Kram gelesen. Am besten gefallen haben mir zwei Werke von Tad Williams. Tad Williams schreibt ja generell gute Sache; seine Ostenard-Serie gehört meiner Meinung nach zum besten aus dem Bereich der klassischen Fantasy; seine Shadowmarch-Bücher sind das originellste, was ich in Sachen Fantasy gelesen habe und die Otherland-Serie haben vermutlich auch die meisten schon gelesen. Ein wenig aus dem Rahmen fällt seine letzte Serie um den Engel Bobby Dollar.

bobbydollar

Ich habe bis jetzt die ersten beiden Bücher gelesen: „The Dirty Streets of Heaven“ von Tad Williams (auf deutsch: „Die dunklen Gassen des Himmels“) und „Happy Hour in Hell“ (auf deutsch: „Happy Hour in der Hölle“). Man könnte das ganze vermutlich als „urban fantasy“ klassifizieren. Die Bücher spielen jedenfalls nicht in irgendeiner mittelalterlichen Ritterwelt, sondern in unserer Welt der Gegenwart. Nur das dort eben jede Menge Engel und Dämonen rumlaufen; von den Menschen unerkannt natürlich. Bobby Dollar (aka „Doloriel“) ist so ein Engel; ein „Anwaltsengel“ und zuständig dafür, nach dem Tod eines Menschen mit einem dämonischen Gegenstück darüber zu verhandeln, ob die Seele nun in den Himmel und die Hölle kommt. Mit klassischer Religion hat das alles aber wenig zu tun; Bobby Dollar erinnert eher an einen Privatdetektiv aus einem Groschenroman. Es wird geflucht, getrunken, geschossen, geprügelt und jede Menge Sex gibts auch noch. Im ersten Teil der Serie muss Dollar herausfinden, warum plötzlich jede Menge Seelen einfach verschwinden und weder im Himmel noch in der Hölle landen. Und sich dabei sowohl mit seinen himmlischen Vorgesetzten als auch den Gegenspielern aus der Hölle anlegen um am Ende herauszufinden, was es mit dem „Dritten Weg“ auf sich hat. Die Hölle ist dann der Schauplatz des zweiten Buchs. Dollar, inkognito als Dämon verkleidet, muss wieder die Intrigen und Verschwörungen zwischen oben und unten ausbaden und gleichzeitig probieren, seine Freundin aus den Händen eines Höllenfürsten zu befreien.

Ich kann die Bücher nur empfehlen; ich habe mich großartige amüsiert und freue mich schon auf die nächsten Bände!

Und weil ich schon bei religiöser Fantasy bin, habe ich auch gleich noch die beiden großartigen Bücher „American Gods“ (auf deutsch ebenfalls „American Gods“) und „Anansi Boys“ (auf deutsch ebenfalls „Anansi Boys“) von Neil Gaiman gelesen. Beide sind schon ein wenig älter und die meisten werden sie wohl kennen. Wenn nicht: Lest sie! In „American Gods“ geht es um die alten europäischen, afrikanischen und asiatischen Götter die mit den ersten Einwanderern in die USA gekommen sind, wo sie mittlerweile die Konkurrenz der „neuen Götter“ (Medien, Technik, Internet, etc) fürchten müssen. Dazwischen steht „Shadow“, ein Ex-Häftling aber eigentlich netter Kerl, der in diesen Kampf hineingezogen wird und sich zwischen all diesen Göttern zurecht finden muss. „Anansi-Boys“ ist eine Art Fortsetzung; nicht ganz so düster wie „American Gods“, aber ebenso lesenswert. Charlie, ein Amerikaner der in London lebt, stellt fest das sein Vater der afrikanische Spinnengott „Anansi“ war und er noch dazu einen Bruder mit quasi göttlichen Kräften hat, der sein Leben nach allen Regeln der Kunst durcheinander bringt…

Im letzten Monat habe ich ja schon von meinem überraschend positive Eindruck des Zombie-Buchs „Ex-Heroes: Superheroes vs Zombies“ (auf deutsch: „Ex-Helden“) von Peter Clines berichtet. Ich habe mich daher entschieden, auch die restlichen Bände der Serie zu lesen: „Ex-Patriots“, „Ex-Purgatory“, „Ex-Communication“ und „Ex-Isle“. Wem der erste Teil gefallen hat, der wird auch den Rest mögen. Denn genau genommen passiert dort nicht viel anderes als in „Ex-Heroes“. Helden mit Superkräften kämpfen gegen Zombies – aber Clines kriegt es trotzdem einigermaßen hin, dass einem dabei nicht langweilig wird. Nur die ewigen Prügelszenen mit den Zombies gingen zumindest mir ein wenig auf die Nerven. Dafür hat er mit „Corpse Girl“ eine Superheldin kreiert, die ich wirklich originell finde!

Rechnen und Romane

Schon länger liegt bei mir das Buch „Von Pi nach Pisa: Mit Zahlen die ganze Welt verstehen“ von Gert Mittring herum. Angepriesen wird es als „Neues vom Rechenweltmeister“ und gerechnet wird im Buch auf heftig. Ich fand es aber eher mäßig.

pipisa

Mir ist nicht ganz klar, wie die Zielgruppe für dieses Buch aussehen soll. Mittring „reist“ darin um die Welt und sucht sich überall Anlässe, um über Zahlen zu reden. In der Antarktis berechnet er die Größe von Gletschern, in Australien sucht er Ortschaften die Zahlen im Namen haben, in Peru erklärt er wie Knotenschnüre funktionieren, und so weiter. Diese Geschichten sind ja auch alle durchaus interessant. Aber die Rechnerei dazwischen finde ich eher ein wenig abschreckend. Ich bin zwar der letzte, der etwas gegen Mathematik hat. Aber in diesem Buch kommen mir die Rechnungen immer sehr bemüht und konstruiert vor. Was man großartig dabei lernen soll, wenn man „Eighteen Mile Creek : Sechshelden“ (also 18/6) rechnet und als Ergebnis „Trento“ (3) bekommt, erschließt sich mir nicht. Es ist zwar nett, sich zu überlegen, wo es überall Ortsnamen mit Zahlenbezug gibt. Aber warum soll man damit rechnen? Leute, die bis jetzt nicht viel mit Mathe anfangen konnten, werden durch die Rechnungen (die noch dazu wie in Schulbüchern als „Aufgaben“ am Ende der Kapitel formuliert sind) abgeschreckt werden. Und wer Mathe mag, hat durch die Rechnerei keinen großen Mehrwert zu den Geschichten.

Sehr super dagegen fand ich das Buch „ZERO – Sie wissen, was du tust“ von Marc Elsberg. Ich habs ja eigentlich nicht so sehr mit diesen ganzen Computerromanen. Aber „Zero“ hat wirklich Spaß gemacht. Es geht um eine Firma, die Daten im Internet sammelt. Und diese Daten dann auch nutzt – ohne Rücksicht auf Verluste. WIE realistisch die Szenarien von Elsberg sind, kann ich nicht einschätzen. Aber allzu weit entfernt vom Status Quo sind sie nicht. Und das Buch führt dramatisch vor, wie eine Welt ohne Privatsphäre aussehen könnte…

Zwischendurch hab ich auch noch „The Stars‘ Tennis Balls“ von Stephen Fry (auf deutsch: „Der Sterne Tennisbälle“) gelesen. Nicht zum ersten Mal und sicher nicht zum letzten Mal. Frys Bücher sind generell phänomenal und das hier ist sein Bestes. „Der Graf von Monte Christo“ von Dumas ist ja schon ein großartiges Buch und Frys moderne Interpretation ist um nichts schlechter. Sollte jeder mal gelesen haben.

Das wars für den Mai. Ich bin schon gespannt, was ich im Juni lesen werde. Und freue mich wie immer über Tipps und Empfehlungen!

5 Gedanken zu „LIGO: Die Biografie einer Maschine – Die Buchempfehlungen für Mai 2016“
  1. Vermutlich kennst Du China Mievielle schon – Die Stadt und die Stadt habe ich gerade erneut gelesen und ist wirklich wunderbar!
    Ansonsten habe ich viel gelesen, dass du schon kennst (du hast es schon beschrieben) oder nichts was ich wirklich empfehlen würde – außer Carl Hiaasen Doubvle Whammy. Ich bin sonst kein krimifan, aber den fand ich ausgesprochen unterhaltsam (Die Deutsche Übersetzung soll wohl fürchterlich sein, ich kenne nur das englische Original).

  2. Der Emil war schon ein echtes Tier.
    Besonders beim Intervalltraining mit, wenn ich mich richtig erinnere, 30x400m. Das ist dann doch schon irgendwie zu krass.
    Werd mir das Buch natürlich sofort kaufen 😉

  3. Gmpf, deine Buchempfehlungen sind immer so gefaehrlich, weil dann der virtuelle ungelesen-Stapel umso groesser wird…
    Aber Anansi Boys stand da schon laenger (nach der Lektuere von American Gods) und Stephen Fry muss natuerlich auch. Und Emil Zatopek. Und ueberhaupt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.