Der Februar war kurz; der Februar ist demnächst vorbei – ich hatte aber glücklicherweise trotzdem Zeit, sehr viele sehr gute Bücher zu lesen. Und von diesen Büchern möchte ich wie an jedem Monatsende berichten und sie euch zur Lektüre empfehlen. Es war nicht geplant, aber netterweise hat sich im Februar die Religion als Oberthema meiner Bücher ergeben. Und das in allen möglichen Variationen.

Religiöse Aussteiger

Das erste Buch das ich euch ganz dringend empfehlen möchte heißt „Sin Bravely: A Memoir of Spiritual Disobedience“, wurde von Maggie Rowe geschrieben und ist leider nicht auf deutsch erhältlich.

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Rowe ist eine amerikanische Kabarettistin und ihr Buch ist zwar auch durchaus lustig, beschreibt eigentlich aber eine ziemlich erschreckende Geschichte. Rowe erzählt von ihrer Kindheit in einer christlich-fundamentalistischen Familie. Die Story beginnt in einer psychiatrischen Klinik in die Rowe als junge Frau eingeliefert wird um ihre wahnsinnige Angst zu behandeln. Ihre Angst, in der Hölle zu landen. Von klein auf wurde ihr erzählt, dass sie nur dann „gerettet“ werde kann, wenn sie Gott akzeptiert – was Rowe auch tat. Aber statt blind zu glauben zweifelte sie bzw. fragte nach: Wie kann man sicher sein, dass man wirklich gerettet ist? Woher weiß man, dass wirklich glaubt? Was, wenn man es irgendwie „falsch“ macht? Diese Zweifel führen zu ihrer Angst, in der Hölle zu landen und diese Angst wird immer stärker bis sie schließlich in der Klinik landet.

Rowe erzählt abwechselnd von ihrem Lebensweg und ihrer „Therapie“ in der (christlichen) Klinik. Es ist erstaunlich und erschreckend zu erleben, was die Religion mit ihrem Leben angestellt hat. Sie erzählt von ihren Versuchen, sich in der Schule möglichst öffentlich zu Gott zu bekennen und sich so möglichst intensiv vor ihren Freunden und Lehrern blosszustellen um so zu beweisen, dass sie es wirklich „ernst“ meint. Sie erzählt von der Zeit auf dem College, als sie kurzfristig aus dem religiösen Leben ausbricht nur um von ihrer Angst umso stärker eingeholt zu werden. Und sie erzählt vom absurden Alltag der christlichen Klinik, in der Dinge ablaufen, die man sich kaum vorstellen kann.

Am Ende findet Rowe einen Weg aus dem Teufelskreis der durch den Glauben ausgelösten Angst. Ich kann das Buch wirklich empfehlen. Ich kann euch auch diesen Podcast empfehlen, in dem Rowe unter anderem über Buch und ihr Leben spricht.

Religiöser Fanatismus der das Leben von Kindern und Jugendlichen massiv beeinflusst ist aber natürlich kein Alleinstellungsmerkmal des Christentums. Ich möchte euch daher auch ein zweites Buch empfehlen: „Unorthodox: The Scandalous Rejection of My Hasidic Roots“ von Deborah Feldman (auf deutsch: „Unorthodox“). Feldman beschreibt darin ihr Leben in der jüdischen Satmar-Sekte in New York. Ihre Mutter wurde mehr oder weniger mit ihrem geistig behinderten Vater zwangsverheiratet. Irgendwann brach die Mutter alle Kontakte zur Familie ab; der Vater konnte sich nicht um seine Tochter kümmern und Deborah wächst bei ihren Großeltern im streng jüdisch-orthodoxen Williamsburg auf. Die Religion dominiert ihr Leben und bestimmtt, was sie tun darf und was nicht – Deborah widersetzt sich aber den Regeln immer wieder; unter anderem durch die Lektüre „verbotener“ Bücher (Klassiker, Harry Potter, und so weiter). Am Ende findet auch sie einen Weg in die säkulare Welt und ihre Geschichte ist mindestens ebenso packend wie die von Rowe, auch wenn das Buch sich nicht ganz flüssig liest wie „Sin Bravely“.

Monstergötter und der Teufel auf Erden

Auch von Religion, aber auf eine ganz andere Art und Weise handelt das Buch „Oddjobs“ von Heide Goody und Iain Grant. Es ist mein Favorit im Februar; ihr solltet es unbedingt lesen: Torchwood trifft Terry Pratchett trifft H.P. Lovecraft!

oddjobs

„Oddjobs“ beschreibt die Arbeit einer obskuren Behörde im britischen Birmingham. Ihr Job ist es im Wesentlichen, den Weltuntergang zu organisieren. Nicht ihn zu verhindert; auch nicht ihn auszulösen – sondern dafür zu sorgen, dass alles mit so wenig Panik abläuft wie möglich. Denn was der Großteil der Menschheit nicht weiß: Die Erde wird schon seit langer Zeit von den „Venislarn“ beherrscht. Diese Wesen deren Ursprung nicht näher beschrieben wird, sind allmächtige Monster/Aliens/Götter und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auf der Erde eine Apokalypse auslösen und alle Menschen auf ewig in höllischen Qualen existieren müssen.

Klingt jetzt nicht unbedingt nach einer äußerst humoristischen Ausgangslage – aber „Oddjobs“ ist ein sehr witziges Buch! Es ist voll mit sympathischen Figuren (bis auf die grauenhaften Monstergötter natürlich( und voll mit absurd-lustigen Szenen. Es fällt mir schwer, die Stimmung des Buches korrekt zu beschreiben; etwas in der Art habe ich bis jetzt noch gelesen. Ich kann euch nur empfehlen, euch selbst ein Urteil zu bilden. Ihr werdet es nicht bereuen!

Auf „Oddjob“ bin ich überhaupt nur gestoßen, weil ich zuvor schon die großartige „Clovenhoof“-Serie von Goody und Grant gelesen habe. Sie besteht aus den Büchern „Clovenhoof“, „Pigeonwings“, „Godsquad“, „Hellzapoppin'“, „Bellzebelle“, „Clovenhoof & the Trump of Doom“ und der kostenlosen Kurzgeschichtensammlung „Satan’s Shorts“. Das Thema ist auch hier die Religion – und die Hauptfigur ist Satan persönlich. Die himmlischen Bürokraten sind mit Effizient der Abläufe in der Hölle unzufrieden und Satan wird gefeuert. Er landet als Mensch auf der Erde; in einem Vorort von Birmingham. Als „Jeremy Clovenhoof“ muss er nun mit dem Leben in England klarkommen – und wenn das jetzt auch nicht unbedingt nach einer sonderlich originellen Ausgangslage für ein Buch klingt sind die Geschichten die Goody und Grant schreiben grandios.

Man gewinnt die Hauptfiguren so schnell lieb, dass man mit der Lektüre kaum noch aufhören kann. Den chaotischen Clovenhoof, seinen nerdigen Nachbarn Ben, den prätentiosen Erzengel Michael (der im zweiten Band ebenfalls auf der Erde im Exil landet); die (w)irren Mönche von St. Cadfans aus Band 4 und ihre dämonischen Freunde aus der Hölle. Jean d’Arc und Franz von Assisi, die in Band 3 die Gottesmutter in Amsterdam aufspüren müssen und Maria selbst, die sich die Zeit auf der Erde als anarchistische Globalisierungsgegnerin vertreibt, und so weiter. Ich habe alle sechs Bücher der Serie in ein paar Tagen ausgelesen und würde mir noch viel mehr Bücher über Clovenoof & Co wünschen.

Die Probleme der Unsterblichkeit

Zumindest am Rande mit Religion hat „The First Fifteen Lives of Harry August“ von Claire North (auf deutsch: „Die vielen Leben des Harry August“) zu tun. Harry August wird in den 1920er Jahren geboren und stirbt 1989. Und wird dann erneut in den 1920er Jahren geboren – mitsamt all seiner Erinnerungen aus dem letzten Leben. Dass das nicht normal ist, merkt er allerdings erst nach seiner dritten Geburt. Harry gehört zu einer Gruppe von Menschen, die ihr Leben immer wiederholen und dabei alle Erinnerungen der Vorleben behalten.

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Das allein ist natürlich schon eine schöne Idee für eine Geschichte und bietet Raum für Spekulationen was man mit dieser Art der Unsterblichkeit anstellen könnte. Vor allem: Was macht man mit all dem Wissen über die Welt? Kriege und Katastrophen verhindern? Große Entdeckungen und Erfindungen vorwegnehmen? Geld mit Wetten verdienen? „Am besten nichts“, lautet die offizielle Linie der Unsterblichen – in den Lauf der Welt einzugreifen bringt nur Chaos und Ärger. Aber natürlich passiert es trotzdem und Harry August findet sich im Kampf gegen den durch eine solche Manipulation ausgelösten Weltuntergang wieder.

Das Buch ist wirklich hervorragend; der für die Story wichtige „Quantum Mirror“ mit dem das Universum entschlüsselt werden soll hätte allerdings ein wenig mehr plausible wissenschaftliche Grundlagen verdient. So wie North das in ihrem Buch erklärt macht das alles wenig Sinn, was aber wohl eh nur die stört, die sich mit den Grundlagen der modernen Physik auskennen. Empfehlen kann ich das Buch trotzdem!

Was ich bisher schon gelesen habe

Bisher schon gelesen habe ich die empfehlenswerte Geschichte der „Black Computers“ der NASA, die ich hier ausführlich rezensiert habe.

Was ich ansonsten noch gelesen habe

  • „The Two Moons“ von James Hogan (auf deutsch: „Das Erbe der Sterne“): Ein klassisches und gutes Science-Fiction-Buch mit ungewöhnlichen Elementen. Menschen finden einen 50.000 Jahre alten mummifizierten Raumfahrer auf dem Mond. Und wollen herausfinden, wie er dort hinkommt. Das Buch beschreibt die Lösung dieses Rätsels in allen wissenschaftlichen Details – bei der Lektüre hab ich mich oft an klassische pseudowissenschaftliche Theorien á la Velikovsky und Däniken erinnert gefühlt. Als Grundlage von Science-Fiction gar nicht schlecht, aber Hogan schreibt so, als würde er das alles wirklich glauben. Und wie ein wenig Recherche gezeigt hat, tut er das auch wirklich (zusammen mit jeder Menge anderem pseudowissenschaftlichen Quatsch).
  • „Niemalsland“ von Nail Gaiman (im Original: „Neverwhere“) Nail Gaiman ist immer gut! Ich habe bis jetzt noch kein Buch gelesen, dass schlecht war. Und „Niemalsland“ gehört auch nicht dazu.

Das war’s für Februar. Im März geht es weiter mit der Lektüre – und im März erscheint auch endlich mein neues Buch!. Aber dazu dann mehr, wenn es soweit ist!

Die Links zu den Bücher sind Amazon-Affiliate-Links. Beim Anklicken werden keine persönlichen Daten übertragen.

10 Gedanken zu „Religiöse Aussteiger, der Teufel auf Erden und die Unsterblichkeit: Die Buchempfehlungen für Februar 2017“
  1. Danke für die interessanten Tipps!
    Und mir ist beim Thema „spiritual disobedience“ eher nicht zum Lachen zumute.
    Ich möchte in dem Zusammenhang darauf hinweisen, wie viele Kinder und Jugendliche immer noch in Familien festhängen, die einen enormen Zwang ausüben, was Glauben betrifft. Junge Menschen können sich dagegen meistens nicht wehren, und werden meistens völlig allein gelassen, auch in Deutschland. Ich hatte erst vor ein paar Tagen mit einer sehr klugen Jugendlichen zu tun, die bei den Zeugen Jehovas etwas zu viele Fragen gestellt hat, und gemaßregelt wurde. Und leider beschränken sich derartige Übergriffe nicht auf diese Gruppe.

  2. Witzig,

    „Das Erbe der Sterne“ ist schon vor gut 30 Jahren als „Der tote Raumfahrer“ eschienen. Er ist der erste Teil der „Riesen vom Ganymed“ Pentalogie. Ist auch ein tolles Buch.

    Leider ist James P. Hogan in den letzten Jahren sehr in die Kreationisteneckke abgedriftet. Seine frühen Bücher habe ich sehr gerne gelesen und kann sie auch empfehlen.

  3. Wer gerne wissenschaftlich tiefgründige Betrachtungen über den Geist und ob es eine Seele gibt ließt,… wer hier wohl als Sieger hervorgeht in der lockeren Beweisführung?, … Religion kontra Wissenschaft, der wird hier vmtl. fündig werden :).

  4. Herzlichen Dank für die Tipps! Oddjobs habe ich in einem Rutsch durchgelesen und fange jetzt die Clovenhoof Serie an, gefällt mir sehr gut! Von der Stimmung her ähnlich finde ich „The Rook“ von Daniel O’Malley, nicht ganz so fastpaced aber auch sehr, sehr empfehlenswert. Es geht auch um eine britische Behörde, die sich mit der Regelung des Übernatürlichen durchschlagen muss.

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