Als Arzt mag Franz von Paula Gruithuisen durchaus erfolgreich gewesen sein. Der bayrische Gelehrte entwickelte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immerhin Ideen zur mechanischen Zertrümmerung von Harnsteinen, die später tatsächlich erfolgreich umgesetzt worden sind. Gruithuisen hatte aber an der Ludwig-Maximilians-Universität in München auch einen Lehrstuhl für Astronomie inne. Von seinen astronomischen Leistungen (zum Beispiel der korrekten Hypothese, dass die Krater am Mond durch Meteoriteneinschläge entstanden sind) sind heute aber nur noch die absurden Anekdoten übrig geblieben. So wie viele andere Wissenschaftler der damaligen Zeit war er davon überzeugt, dass auch alle anderen Himmelskörper im Sonnensystem bewohnt seien und er berichtete von seinen Beobachtungen des Mondes, auf dem er die großen Bauwerke der Mondbewohner gesehen haben wollte. Und er war der Meinung, er hätte die Bewohner der Venus dabei beobachtet, wie sie die Krönung ihres neuen Kaisers gefeiert haben…

Das ist nicht der Kaiser der Venus, sondern Franz von Paula Gruithuisen (Bild: Public Domain)
Das ist nicht der Kaiser der Venus, sondern Franz von Paula Gruithuisen (Bild: Public Domain)

Schon im Januar 1643 beobachtete der italienische Astronom Giovanni Battista Riccioli auf der Nachtseite der Venus ein seltsames Leuchten. Nicht sehr hell, aber doch für ihn deutlich sichtbar. Im Lauf der Zeit wurde dieses Venusleuchten auch von anderen Astronomen gesehen, darunter bekannte Beobachter wie William Herschel (der Entdecker des Planeten Uranus) oder Patrick Moore (dem prominenten britischen Populärwissenschaftler). Bis in die Gegenwart hinein berichten Profi- und Hobby-Astronomen immer wieder von den Lichtern auf der Nachtseite der Venus.

Gruithuisens These, dass es sich dabei um Feuerwerk und Lichter der kaiserlichen Krönungsfeierlichkeiten handelt, können wir mittlerweile zu den Akten legen. Genauso wie seine spätere Idee, es würde sich dabei um große Waldbrände handeln, die von den Venusbewohnern gelegt wurden, um die Gebiete für die Landwirtschaft zu roden.

Was die Lichter aber wirklich verursacht, weiß man bis heute nicht. Genaugenommen ist es noch nicht einmal sicher, dass die Lichter tatsächlich existieren. Es gab zwar im Lauf der Jahrhunderte regelmäßige Beobachtungen, aber keine eindeutigen Belege in Form fotografischer Aufnahmen. Es erscheint zwar unwahrscheinlich, dass sich so viele Astronomen täuschen lassen, aber es ist nicht ausgeschlossen.

Vermutlich sind die Lichter aber wirklich vorhanden. Und deswegen machen sich die Astronomen weiterhin Gedanken über ihre Ursache. Im Januar 2001 konnten Wissenschaftler mit dem großen Keck-Teleskop auf Hawaii tatsächlich ein schwaches Leuchten auf der Venus. Es wird verursacht, wenn das in der Atmosphäre der Venus in großen Mengen vorhandene Kohlendioxid durch das ultraviolette Licht der Sonne in seine Bestandteile Kohlenstoff und Sauerstoff aufgespalten wird. Die Sauerstoffatome verbinden sich dann zu Sauerstoff-Molekülen und dabei wird grünliches Licht abgestrahlt. Dieses Leuchten ist allerdings extrem schwach und kann vermutlich nicht das gleiche Licht sein, dass von den Astronomen in der Vergangenheit und den vielen Hobby-Astronomen mit ihren viel schwächeren Teleskopen gesehen worden ist.

Eine andere Hypothese zur Erklärung des Leuchtens sind Blitze. Wenn es in der Atmosphäre der Venus ausreichend starke elektrische Entladungen gibt, könnte das die Nachtseite entsprechend erleuchten. Zuerst sah die Beobachtungslage aber schlecht aus. Als die Raumsonde Cassini auf ihrem Weg zum Saturn 1998 und 1999 bei der Venus Schwung holte, konnten dort keine hochfrequenten Radiowellen gemessen werden, die eigentlich entstehen müssten, wenn es dort Blitze gibt. 2007 konnte die Raumsonde Venus Express dann aber doch den Nachweis für Gewitter in der Venusatmosphäre führen (Pdf).

Die Nachtseite der Venus, gesehen von der Raumsonde Pioneer 11 - allerdings ohne seltsames Licht (Bild: NASA, Public Domain)
Die Nachtseite der Venus, gesehen von der Raumsonde Pioneer 11 – allerdings ohne seltsames Licht (Bild: NASA, Public Domain)

Die Blitze sind daher bei den meisten Astronomen zur favorisierten Hypothese geworden. Damit scheint sich auch erklären zu lassen, warum man das Leuchten hauptsächlich dann sieht, wenn die Venus am Abendhimmel steht und selten, wenn sie am Morgenhimmel unterwegs ist. Aus geometrischen Gründen (die ich jetzt nicht im Detail erläutern will und stattdessen auf diese Arbeit verweise) ergibt sich das ganz natürlich aus den Beobachtungsbedingungen wenn Gewitter auf der Venus genau so häufig sind wie auf der Erde.

Aber so richtig klar ist die Sache immer noch nicht. Es gibt immer noch keinen einwandfreien Beleg für die Existenz des Venusleuchtens. Es gibt immer noch keine unumstrittene Erklärung für das Phänomen. Es gibt immer noch zu wenig Beobachtungsdaten. Das seltsame Leuchten der Venus gehört zu den ungelösten Fragen in der Sonnensystemforschung. Vielleicht sind es wirklich Blitze. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Nur der Kaiser der Venus wird mit ziemlicher Sicherheit nichts damit zu tun haben…

4 Gedanken zu „„Die Krönungsfeier des Kaisers der Venus“, oder: Wo kommt das seltsame Licht auf der Venus her?“
  1. Da die Venus falschherum rotiert, sehen wir abends die Abendseite und morgens die Morgenseite. Andererseits rotiert sie aber so langsam, dass ich dort keinen Unterschied zwischen Abend- und Morgenwetter erwarten würde. Die Arbeit erklärt das auch nicht, sondern postuliert es nur (letzter Absatz über der Überschrift „Local Time Distribution of Lightning“).

  2. „Die Sauerstoffatome verbinden sich dann zu Sauerstoff-Molekülen und dabei wird grünliches Licht abgestrahlt.“

    Ich habe mal von einem Phänomen in der Erdatmosphäre gelesen; einem grünlichen Schimmern/Leuchten, das verhindert, dass es so was wie „absolute Dunkelheit“ gibt.

    Sofern ich nicht kompletten Unsinn erzähle: Schon mal davon gehört? Falls ja: Ist das mit dem „Venus-Leuchten“ vergleichbar?

    Vielen Dank // Viele Grüße

    Berry

  3. @Berry

    Airglow.

    Ist was anderes, das sieht man bei der Venus nicht mit bloßem Auge, dazu ist die Sichel viel zu hell. Man kann ihn ja auf der Erde in einer dunklen Nacht kaum mit bloßem Auge sehen.

  4. Kurze Info zum Bild, ich vermute das ist von Pioneer Venus 1 (Pioneer 12), da Pioneer 11 zum Jupiter und später zum Saturn unterwegs war (zusammen mit Pioneer 10 als Wegbereiter der Voyager-Sonden).

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