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Sternengeschichten Folge 728: Die „Sternennacht“ von Vincent van Gogh

Dass Kunst und Wissenschaft und damit natürlich auch Kunst und Astronomie sehr viel miteinander zu tun haben, habe ich in einigen vergangenen Folgen der Sternengeschichten ja schon erzählt. Der Sternenhimmel und das Universum haben Menschen genauso inspiriert wie der Rest der Natur und der Welt in der wir leben. Und der vermutlich berühmteste Sternenhimmel in der Geschichte der Kunst ist auf dem Bild „Sternennacht“ von Vincent van Gogh zu sehen. Ich vermute, ich muss es nicht beschreiben, ihr werdet es alle schon einmal irgendwo gesehen haben. Der nächtliche Himmel dominiert das Bild, helle, in Wirbeln gezeichnete Sterne stehen auf einem ebenso blau wirbelnden Hintergrund, eine dunkle Zypresse erhebt sich im Vordergrund und wir Menschen sind nur indirekt Teil des Bildes, in Form eines kleines Dorfs, das sich fast vor dem gewaltigen Nachthimmel zu verstecken scheint.

Die „Sternennacht“ zeigt definitiv kein realistisches Abbild des Himmels. Die Sterne sind große Flecken und nicht die kleinen Punkte, die wir in der echten Nacht sehen können. Trotzdem transportiert das Bild irgendwie das Gefühl, das man beim Anblick des Sternenhimmels bekommen kann. Und eigentlich könnte diese Folge damit schon wieder zu Ende sein. Kunst ist Kunst und bleibt das auch, wenn sie einen Himmel voller Sterne zeigt. Aber Kunst ist eben auch dazu zu, um Menschen zu inspirieren und zum Nachdenken zu bringen. Und selbstverständlich haben im Laufe der Zeit sehr viele Menschen darüber nachgedacht, ob das, was van Gogh da gemalt hat, eine Verbindung zum realen Himmel hat oder wirklich „nur“ Kunst ist. Insbesondere wollte man wissen, ob das, was auf dem Gemälden zu sehen ist, irgendwann auch in echt so zu sehen war. Natürlich nicht die wirbelnden Sterne und so weiter, sondern ob die Himmelskörper, die van Gogh uns dort zeigt, zu einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort genau so am Himmel gestanden sind. Das wäre unter anderem auch interessant für eine genaue Datierung des Zeitpunkts, an dem die „Sternennacht“ entstanden ist.

Einer der ersten, der sich wirklich intensiv damit auseinandergesetzt hat, war der amerikanische Kunsthistoriker Albert Boime. 1984 hat er den Aufsatz „Van Gogh’s Starry Night: A History of Matter and a Matter of History“ veröffentlicht und dafür unter anderem im Planetarium der Griffith Sternwarte in Los Angeles versucht, den Anblick des Himmels zu rekonstruieren. Van Gogh hat das Bild im Jahr 1889 gemalt und er hat zu dieser Zeit in der südfranzösischen Stadt Saint-Rémy-de-Provence gelebt. Und tatsächlich zeigt, so Boime, der Nachthimmel des 19. Juni 1889 gegen vier Uhr morgens eine gute Übereinstimmung mit dem, was in der „Sternennacht“ zu sehen ist. In der Nähe des Horizonts hat van Gogh einen auffällig hellen Himmelskörper gemalt, genau dort, wo man in echt die Venus sehen konnte. Der helle Lichtstreifen, der auf dem Bild über dem Horizont liegt, kann die angehende Morgendämmerung zeigen und die restlichen Sterne haben große Ähnlichkeit mit den Hauptsternen im Sternbild Widder. Nicht ganz dazu passt allerdings der auf dem Gemälde dargestellte Mond: Van Gogh hat ihn als Sichel gezeigt, tatsächlich war er in dieser Nacht aber als abnehmender Mond zu sehen, der noch mehr als zur Hälfte beleuchtet war.

Aber ignorieren wir den Mond vorerst und schauen wir uns den Rest an. Dass Vincent van Gogh vom Anblick der hellen Venus am Morgenhimmel beeindruckt war, wissen wir aus den Briefen, die er seinem Bruder Theo geschrieben hat. In einem, der irgendwann Anfang Juni 1889 geschrieben wurde, erzählt er, wie er morgens aus seinem Fenster geschaut hat und dort „nichts als der Morgenstern zu sehen war, der sehr groß aussah“. Aber da haben wir schon ein weiteres Problem: Wenn nichts außer dem Morgenstern, also der Venus sichtbar war, dann sieht man da auch keine anderen Sterne und schon gar nicht die des Widders. In der Morgendämmerung beginnt das Licht der aufgehenden Sonne die Sterne zu überstrahlen und besonders die am Horizont verschwinden schnell. So war es auch am 19. Juni 1889. Venus war da erst gegen halb 3 morgens gut sichtbar. Sie muss ja nicht nur über dem Horizont stehen, sondern so, dass van Gogh sie von seinem Fenster über den lokalen Hindernissen sehen kann. Genau in dieser Blickrichtung hat der Gebirgszug des Petit Liberon einen Teil des Horizonts verdeckt und die Venus muss hoch genug am Himmel sein, damit van Gogh sie sehen konnte. Das war, wie gesagt, gegen halb 3 Uhr morgens der Fall, eine halbe Stunde später beginnt die Dämmerung und die Sterne des Widders verblassen schnell. In einer späteren Arbeit hat eine Gruppe von Forschenden aus Korea die Sache noch einmal neu untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass der 22. Juli 1889 viel besser passt. An diesem Tag sieht man die Hauptsterne des Widders quasi eingerahmt von Venus und Mond, mehr oder weniger so, wie Van Gogh es gemalt hat. Neben diesen astronomischen Indizien hat man sich auch andere Sachen angesehen, zum Beispiel das Wetter, dass in diesen Sommernächten geherrscht hat und auch immer wieder die Briefe, die van Gogh geschrieben hat. In einigen davon erwähnt er das Zirpen der Zikaden, das ihn bei der Malerei begleitet hat, was auch besser zum hochsommerlichen Datum des 22. Juli passt. Genau so wie der Mond, der damals zu sehen war: Er war jetzt nur noch zu 28 Prozent beleuchtet, was besser zu der Sichel passt, die van Gogh abgebildet hat.

Und bevor ich jetzt weiter erzähle, lohnt sich vielleicht eine kurze Anmerkung. Es war von Anfang an klar, dass Vincent van Gogh weder am 19. Juni, noch am 22. Juli und auch in keiner anderen Nacht unter dem Sternenhimmel stand und gemalt hat, was er gesehen hat. Van Gogh war von Anfang Mai 1889 bis Mitte Mai 1890 in der psychiatrischen Heilanstalt von Saint-Paul-de-Mausole. In dieser Zeit hat er die „Sternennacht“ gemalt und das hat er dort tagsüber getan; all das weiß man aus seinen Aufzeichnungen und Briefen. Wenn auf dem Bild eine reale Himmelssituation zu sehen ist, dann hat er sie aus dem Gedächtnis gemalt. Aber genau darum geht es bei all diesen Analysen: Man will mehr über die Motivation wissen, die van Gogh zu dem Bild getrieben hat. Wollte er reale Beobachtungen darstellen, die er selbst gemacht hat? Oder einen Himmel zeichnen, der nur in seinem Kopf existiert? Da wir ihn ja nicht mehr selbst fragen können, müssen wir einen anderen Weg finden, um eine Antwort zu bekommen und die lautet vermutlich: Er wollte reale Beobachtungen darstellen, so wie sie in seinem Kopf existieren. Die Sterne die auf dem Gemälde zu sehen sind, stellen mit ziemlicher Sicherheit die Konstellation dar, die man im Sternbild Widder sehen kann und sie waren um den 22. Juli herum tatsächlich so zusammen mit Venus und Mond am Himmel sichtbar, wie van Gogh sie gemalt hat. Er wird das vermutlich irgendwann in diesen Nächten so beobachtet haben und aus diesen Erinnerungen hat er dann ein Bild komponiert, dass diesen Nachthimmel darstellt und darüber hinaus noch viel mehr.

Wie ich zu Beginn schon gesagt habe: Das Bild ist definitiv nicht in einem realistischen Stil gemalt. All diese Wirbel, die sich um die Sterne und den Himmel drehen, kann man so in echt nicht sehen. Und auch hier diskutieren Kunstgeschichte und Wissenschaft gemeinsam, was damit gemeint sein könnte. Man ist beim Anblick des Bildes fast schon zwangsläufig an Luftströmungen und Turbulenzen erinnert; an Wasserwirbel und ähnliche Phänomene. Mit solchen turbulenten und chaotischen Dingen beschäftigt sich natürlich auch die Physik. Ich lasse die Details aus, denn die Physik und Mathematik turbulenter Strömungen ist alles andere als einfach. Aber man kann zum Beispiel beschreiben, wie sich die Energie großräumiger Strömungen kaskadenhaft auf immer kleinere Wirbel und Strömungen verteilt; dieses Phänomen folgt zumindest näherungsweise bestimmten mathematischen Regeln. Und in einer Arbeit aus dem Jahr 2008 haben Forschende untersucht, ob die Wirbel die van Gogh gemalt hat, ebenfalls diesen Regeln folgen. Das Ergebnis: Ja, sie zeigen die selben Eigenschaften wie sie eine turbulente Strömung haben muss, die nach der Theorie von Kolmogorow beschrieben wird. Wie gesagt – ich lasse die Details aus und erkläre jetzt nicht, was die Theorie turbulenter Strömungen von Kolmogorow ist. Aber es ist schon interessant: Der sowjetische Forscher Andrei Kolmogorow hat diese Theorie 1941 augestellt; lange nachdem van Gogh sein Bild gemalt hat. Hat der Künstler tatsächlich damals schon intuitiv das gewusst, was der Physiker erst später mathematisch beschreiben konnte? Vor allem: Van Gogh hat ja keine Wasserströmungen oder ähnliches gemalt, was er tatsächlich beobachten hätte können. Er hat Wirbel in der Luft gemalt; Lichtwirbel um die Sterne herum, die es so in der Realität nicht gibt. Was hat er in seinem Kopf gesehen und warum entspricht das, was er gesehen hat, der physikalischen Theorie der Strömungslehre?

Aber bevor wir uns zu sehr in den Tiefen der Spekulation verlieren, sollte man auch noch darauf hinweisen, dass die Analyse der van Goghschen Wirbel mittlerweile sehr stark angezweifelt wird. Die Methode, mit der man damals gearbeitet hat, scheint alles andere als geeignet zu sein, so etwas zu untersuchen. 2025 haben Forschende aus Kanada sie noch einmal genau unter die Lupe genommen und für mangelhaft befunden. Darüber hinaus konnten sie zeigen, dass man mit dieser Methode auch bei anderen Bildern physikalisch „exakte“ Turbulenzen nachweisen kann, selbst wenn die dort definitiv nicht vorhanden sind, zum Beispiel im Bild „Eine Frau, die neben einer Blumenvase sitzt“ von Edgar Degas. Darauf sieht man genau das, was der Titel verspricht und wenn es auch ein durchaus ansprechendes Bild ist: Irgendwelche Wirbel sind dort nicht zu sehen.

Wir wissen nicht, was van Gogh mit den Wirbeln wirklich ausdrücken wollte. Vielleicht ja auch einfach nur seine Vorstellung vom Universum. Die war im 19. Jahrhundert ja durchaus im Wandel und einer, der sich zu dieser Zeit intensiv damit und mit der Vermittelung des Wissens an die Öffentlichkeit beschäftigt hat, war der französische Astronom Camille Flammarion. In seine Buch „Uranie“ aus dem Jahr 1889 schreibt er zum Beispiel: „So ruhen die Sterne, die Sonnen, die Planeten, die Welten, die Sternschnuppen, die Meteorsteine, kurz: alle Körper, die dieses gewaltige Universum bilden, nicht auf festen Grundlagen, wie es die kindliche und primitive Vorstellung unserer Vorfahren zu verlangen schien, sondern auf unsichtbaren und immateriellen Kräften, die ihre Bewegungen lenken. Diese Milliarden von Himmelskörpern vollführen ihre jeweiligen Bewegungen, um ihre Stabilität zu bewahren, und stützen sich gegenseitig über die Leere hinweg, die sie voneinander trennt. Ein Geist, der Zeit und Raum aufheben könnte, würde die Erde, die Planeten, die Sonne und die Sterne aus einem grenzenlosen Himmel in alle nur denkbaren Richtungen herabregnen sehen, wie Tropfen, die von den Wirbelwinden eines gewaltigen Sturms fortgerissen werden – angezogen nicht von einer gemeinsamen Grundlage, sondern durch die Anziehungskraft jedes Einzelnen und aller zusammen. Jeder dieser kosmischen Tropfen, jede dieser Welten, jede dieser Sonnen wird mit einer solchen Geschwindigkeit fortgeschleudert, dass der Flug von Kanonenkugeln dagegen wie Stillstand erscheint. […] Tatsächlich läuft, fliegt, fällt, rollt und rast alles durch die Leere – doch in so großen Abständen voneinander, dass alles stillzustehen scheint.“

Ob van Gogh das Buch von Flammarion gelesen hat, wissen wir nicht. Aber das was er gemalt hat, wäre auf jeden Fall eine passende Illustration von Flammarions wirbelnden Universum. Am Ende stehen wir dort, wo man vermutlich immer steht, wenn man sich mit Kunst beschäftigt. Es gibt keine eindeutige Erklärung; im Gegensatz zur Naturwissenschaft ist es auch nicht die Aufgabe der Kunst, objektive Antworten zu geben. Es zählt das, was sie in uns auslöst und was sie inspiriert. Das können wissenschaftliche Gedanken sein, aber auch einfach nur das Gefühl das der Anblick einer Sternennacht in uns auslöst. Jeder und jede wird dabei vermutlich etwas anders fühlen und auch der Anblick von van Goghs Gemälde wird in uns allen unterschiedliche Emotionen auslösen. Und genau das ist auch gut so.

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