Der Mars hat gleich zwei Monde. Die sind zwar viel kleiner als unser Mond, aber nicht weniger interessant. Deimos liegt unter einer dicken Schicht Staub begraben; Phobos hat einen Krater der fast so groß wie der ganze Mond ist. Früher einmal dachte man, es könnte sich vielleicht um eine Raumstation halten. Und wir Menschen machen vielleicht sogar irgendwann mal eine daraus…

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Transkription

Sternengeschichten Folge 191: Die Marsmonde Phobos und Deimos

Der Mars ist ein ganz besonderer Planet. Er hat gleich zwei Monde. Das mag vielleicht nicht so besonders wirken, wenn man die großen Gasplaneten des äußeren Sonnensystems betrachtet. Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun haben jeweils Dutzende Monde, wie ich schon in Folge 16 der Sternengeschichten erzählt habe. Aber die vier kleinen, inneren Planeten des Sonnensystems sind eher dürftig mit Monden ausgestattet. Merkur und Venus haben gar keinen und unsere Erde nur einen.

Der Mars dagegen hat zwei; von ihrer Existenz wissen wir allerdings noch gar nicht so lange. Entdeckt wurden sie im August 1877 vom amerikanischen Astronom Asaph Hall. In diesem Jahr standen sich Mars und Erde besonders nahe und Astronomen nutzten die Gelegenheit um unseren Nachbarplaneten so genau zu beobachten wie nie zuvor. Vom United States Naval Observatory in Washington aus tat das damals auch Hall und am 12. August 1877 entdeckte er einen Mond der den Mars umkreiste.

Deimos (Bild: NASA/JPL-caltech/University of Arizona )
Deimos (Bild: NASA/JPL-caltech/University of Arizona )

Es war kein Wunder, das man ihn so lange übersehen hatte. Er war klein, nur wenig mehr als 10 Kilometer im Durchmesser. Er nannte in Deimos, nach einer Figur aus der griechischen Mythologie die „Schrecken“ symbolisiert. Deimos war einer der Begleiter des Kriegsgottes Ares, also das griechische Gegenstück zum römischen Gott Mars.

Motiviert durch die Entdeckung suchte Hall weiter und fand am 18. August 1877 einen weiteren Mond. Der wurde nun natürlich Phobos genannt, nach dem zweiten Begleiter des Ares und der Symbolfigur für die Furcht. Phobos und Deimos: Furcht und Schrecken. Ein wenig martialisch, aber durchaus passend als Monde eines Planeten der nach dem Gott des Krieges benannt wurde.

Phobos ist ein wenig größer als Deimos und kommt auf etwa 20 Kilometer Durchmesser. „Durchmesser“ ist hier allerdings das falsche Wort, denn der kleine Mond ist nicht rund. Er hat eine unregelmäßige Form: Gemessen entlang der längsten Ausdehnung ist er fast 27 Kilometer lang, entlang der kürzesten Dimension sind es nur 18 Kilometer. Phobos ist dem Mars sehr nahe und nur knapp 6000 Kilometer von der Oberfläche des Planeten entfernt. Für eine Runde um den Mars braucht er nur 7 Stunden und 39 Minuten. Damit bewegt er sich schneller um den Mars herum als der Mars selbst für eine Drehung um seine Achse benötigt, was ein bisschen mehr als 24 Stunden sind. Von der Oberfläche des Planeten aus gesehen überholt er also den Mars und geht – anders als der Mond unserer Erde – daher auch im Westen auf und im Osten unter und das zwei bis drei Mal pro Marstag!

Phobos (Bild: NASA/JPL-Caltech/University of Arizona)
Phobos (Bild: NASA/JPL-Caltech/University of Arizona)

Phobos selbst dreht sich natürlich auch um seine eigene Achse. Für eine Rotation braucht er dabei genau so lange wie für einen Umlauf um den Mars. Er zeigt also die gleiche gebundene Rotation wie unser eigener Mond und der Grund dafür ist ebenfalls der gleiche. Die Gezeitenkräfte zwischen Mars und Phobos haben die Rotation so lange gebremst, bis sie sich an die Umlaufzeit angepasst haben. So wie von der Erde aus deswegen immer nur die gleiche Seite des Mondes zu sehen ist, ist daher auch vom Mars aus immer die gleiche Seite des Phobos sichtbar.

So wunderschöne Vollmondnächte wie auf der Erde gibt es am Mars allerdings nicht. Phobos ist seinem Planeten zwar deutlich näher als uns unser Mond, aber Phobos ist eben auch deutlich kleiner. „Vollphobos“ erscheint nur etwa halb so groß wie der Vollmond und nur ein Zwanzigstel so hell.

Weiter draußen findet man dann Deimos. Der kleinere Mond ist ein bisschen mehr als 20.000 Kilometer von der Oberfläche des Mars entfernt. Für einen Umlauf braucht er einen Tag, sechs Stunden und 18 Minuten. Das ist auch genau die Zeit die er für eine Drehung um die eigene Achse braucht: Auch Deimos hat also – so wie unser Mond und Phobos – eine gebundene Rotation und zeigt dem Mars immer die gleiche Seite. Deimos ist vom Mars aus gesehen kaum mehr als ein heller Punkt. Beziehungsweise ein nicht ganz so heller Punkt; würde er am Himmel der Erde stehen, würde er zwischen all den viel helleren Sternen kaum weiter auffallen.

Interessant sind die physikalischen Eigenschaften der beiden kleinen Monde. Unser eigener Mond hat eine mittlere Dichte von 3,3 Gramm pro Kubikzentimeter; bei der Erde sind es 5,5 Gramm pro Kubikzentimeter. Phobos und Deimos dagegen haben mittlere Dichten von 1,8 und 1,3 Gramm pro Kubikzentimeter. Sie bestehen also aus porösem Gesteinsmaterial, ohne größere Mengen an schwererem Metall wie Erde und Mond. Die Oberflächen der beiden Monde sind mit dicken Schichten aus Regolith bedeckt. Das ist quasi Staub, der entstand weil die Oberfläche der Himmelskörper durch die Einschläge von Mikrometeoriten und die Auswirkungen der kosmischen Strahlung im Laufe der Zeit regelrecht pulverisiert worden sind. Eine Atmosphäre, die davor schützen würde, haben die kleinen Monde ja natürlich nicht. Auf Deimos ist diese Staubschicht besonders dick, weswegen seine Oberfläche auch sehr glatt aussieht und nur wenige Krater zu sehen sind. Nur zwei der Krater auf Deimos haben bis jetzt einen eigenen Namen bekommen: Der etwa einen Kilometer durchmessende Swift-Krater und der fast doppelt so große Krater Voltaire, beide benannt nach Schriftstellern die schon vor der eigentlichen Entdeckung über die Existenz von Marsmonden spekuliert haben.

Auf Phobos ist dagegen viel mehr los, was die Sehenswürdigkeiten auf der Oberfläche angeht! Dort findet man den Krater Stickney, benannt nach der Ehefrau von Aspah Hall. Stickney hat einen Durchmesser von neun Kilometern und das bei einem Mond der überhaupt nur um die 20 Kilometer groß ist! Der Einschlag der Stickney verursacht hat, hätte Phobos fast komplett zerstört. In der Nähe des Riesenkraters findet man den mysteriös benannten „Phobos-Monolith“. Das klingt zwar nach dem Relikt von Aliens, ist aber ein ziemlich großer Fels, so groß etwa wie ein Haus der deutlich größer ist als die Felsen in seiner Umgebung und deswegen auch einen beeindruckend langen Schatten wirft, wenn die Sonne gerade richtig steht. Wo dieser mitten in einer ansonsten flachen Landschaft stehende Felsen her kommt, ist unklar – vermutlich handelt es sich um Auswurfmaterial das bei der Entstehung eines der vielen Krater durch die Gegend geschleudert worden ist.

Stickney-Krater (Bild: NASA/JPL-Caltech/University of Arizona)
Stickney-Krater (Bild: NASA/JPL-Caltech/University of Arizona)

Man sieht auch viele lange Rillen und Streifen, die sich über Phobos ziehen. Zuerst dachte man, sie hätten mit dem Einschlag zu tun bei dem der Stickney-Krater entstand. Heute geht man eher davon aus das sie von Material stammen, das bei Einschlägen auf dem Mars ins All und dann auf den kleinen Mond geschleudert worden ist.

Bis man all diese Informationen über die Oberflächen von Phobos und Deimos sammeln konnte, dauerte es allerdings. Man musste bis zu den 1970er Jahren warten, als die Mariner- und Viking-Raumsonden der NASA den Mars erforschten und dabei auch Bilder der Monde machten. Phobos war überhaupt immer ein klein wenig seltsam. Noch bevor die ersten Raumsonden unterwegs zu unserem Nachbarplaneten waren, stellten Astronomen fest dass Phobos dem Mars immer näher kam. Seine Umlaufbahn schrumpft um etwa 5 Zentimeter pro Jahr. Damals, in den 1960er Jahren, dachte man, dass vielleicht die Reibung zwischen Mond und Marsatmosphäre dafür verantwortlich sein könnte. Immerhin ist Phobos ja dem Mars sehr nahe und auch bei uns auf der Erde verlieren Satelliten an Höhe, wenn sie sich durch die äußersten Schichten der Erdatmosphäre bewegen müssen.

Nur: Die Theorie passte nicht zu den Daten. Die Atmosphäre des Mars ist zu dünn um so eine schnelle Annäherung zu verursachen. Es gäbe nur eine Möglichkeit, wie es doch passen könnte. Wenn Phobos in seinem Inneren hohl wäre, würde der Effekt ausreichen. Diese These stellte in den 1960er Jahren der russische Astronom Iosif Shklovsky auf und spekulierte auch, wie es sein könne, das Phobos hohl ist. Ja eigentlich nur, wenn es sich dabei um ein künstliches Objekt handelt. Vielleicht eine Raumstation von Aliens oder einer früheren Marszivilisation? Ziemlich bald stellte man aber fest, dass eine andere Erklärung wahrscheinlicher ist: Nicht die Reibung der Atmosphäre beeinflusst die Umlaufbahn des Phobos sondern die zwischen ihm und dem Mars wirkenden Gezeitenkräfte. Rechnet man das durch, dann kann man die Beobachtungen erklären auch ohne auf einen hohlen Mond zurück zu greifen.

Heute wissen wir, dass Phobos durch die Gezeitenkräfte des Mars tatsächlich immer näher an seinen Planeten rückt. So nahe, dass es – zumindest aus astronomischer Sicht – gar nicht mehr lange dauern wird, bis ihn die wirkenden Kräfte auseinander reißen und zerstören. Noch ist aber genug Zeit, Phobos und Deimos genau zu untersuchen. Die Mars-Missionen der letzten Jahre haben wunderbare hochauflösende Bilder der beiden Monde gemacht. Und eigentlich hätte auch schon mal eine Sonde auf Phobos landen sollen. Russland startet im Jahr 2011 die Mission Fobos-Grunt, die nicht nur auf dem Marsmond landen, sondern auch Bodenproben einsammeln und wieder zurück zur Erde bringen sollte. Leider hat die Zündung eines Triebwerks nicht funktioniert und Fobos-Grunt verglühte in der Erdatmosphäre ohne den Mars je erreicht zu haben. Aber Russland plant zumindest, die Mission zu wiederholen. Und auch die anderen Weltraumagenturen haben Missionen zu Phobos und Deimos auf ihren Listen stehen. Die beiden Monde sind ja auch ein wunderbares Ziel. Dort kann man wegen der geringen Schwerkraft leicht landen und wieder starten. Von dort kann man wunderbar den Mars beobachten und erforschen. Man kann die dort vorhandenen Rohstoffe abbauen und als Basis für eine zukünftige bemannte Mission zu unserem Nachbarplaneten nutzen.

Phobos und Deimos wurden zwar nach Furcht und Schrecken benannt. Was unseren Weg in den Weltraum und unsere Zukunft am Mars anbelangt wären andere Namen aber viel besser. Hoffnung und Zuversicht vielleicht…

32 Gedanken zu „Sternengeschichten Folge 191: Die Marsmonde Phobos und Deimos“
  1. Dazu zwei Fragen:

    Aus der relativ gefundenen Erklärung für das Absinken von Phobos ziehe ich den Schluss, dass man die Gezeitenwirkung auch erst sehr spät verstanden hat. Wie kam es denn zu diesem blinden Fleck der Astronomie? Eigentlich würde man annehmen, dass die Gezeitenkräfte viel früher erkannt und verstanden worden wären.

    Wer könnte denn der Entdecker der Monde gewesen sein, wenn Jonathan Swift echte Erkenntnisse in „Gullivers Reisen“ eingebaut haben sollte? Seine Anmerkungen über die Marsmonde und ihre Eigenschaften passen recht gut zur Realität. Also muss Swift sehr gut geraten haben oder er hatte etwas gehört, was in der wissenschaftliche Welt danach wieder in Vergessenheit geraten sein muss. Das Buch ist übrigens ca. 150 Jahre vor der dokumentierten Entdeckung der beiden Monde veröffentlicht worden.

    1. @Captain E: “ Also muss Swift sehr gut geraten haben oder er hatte etwas gehört, was in der wissenschaftliche Welt danach wieder in Vergessenheit geraten sein muss. „

      Ich würde sagen: Ersteres. Wieso sollte man die Entdeckung von Marsmonden vergessen oder verschweigen?

  2. Nachtrag: Johannes Kepler hatte die Idee auf jeden Fall verbreitet, aber basierend auf den Glauben an eine mathematische Ordnung im Kosmos. Wirklich beobachtet hat er selber wohl nichts. Falls ein scharfäugiger Astronom etwas beobachtet haben sollte, müsste es wohl ein Zeitgenosse Keplers gewesen sein.

  3. Zu den Gezeitenkräften: hier war ja die Vermutung, dass der Erdmond durch die vorauseilende Flutwelle der Erde beschleunigt wird. Normalerweise würde sie dem Mond nachlaufen, aber durch die schnelle Erdrotation eilt sie ihm voraus und beschleunigt den Mond etwas. Weshalb sich dieser 4 Zentimeter pro Jahr von der Erde entfernt.

    Hier bei Phobos haben wir nun das Gegenteil: eine nachlaufende Flutwelle, weil der Mars langsamer rotiert als Phobos um den Mars. Das wirkt bremsend und deswegen bewegt sich Phobos auf den Mars zu. Bis dahin Bestätigung der These. Haken natürlich: Mars hat keinen Ozean (mehr) und es gibt folglich auch keine Flutwelle. Aber sein Inneres ist flüssig, das Gestein ist etwas elastisch und unter der Oberfläche befindet sich durchaus noch Flüssigkeit. Einen kleine Effekt darf man also erwarten.

    Womit die erstere These gestärkt wäre.

  4. @Artur57:

    Kein Widerspruch – ich wundere mich lediglich gerade ein wenig darüber, dass die Effekte der Gezeitenkräfte erst dermaßen spät in der Geschichte der Astronomie bemerkt und verstanden wurden.

  5. So nahe, dass es – zumindest aus astronomischer Sicht – gar nicht mehr lange dauern wird, bis ihn die wirkenden Kräfte auseinander reißen und zerstören.

    Ich habe mal eine künstlerische Darstellung des Marsringes gesehen, der sich nach Zerstörung von Phobos bilden soll. Sah sehr beindruckend aus. Vielleicht kennt ja einer der werten Mitkommentaren einen ensprechenden Link?

  6. @Florian Freistetter:

    Nun, das hat es doch das eine oder andere Mal gegeben, Wiederentdeckungen von Asteroiden beispielsweise. Wenn etwa dieser hypothetische Erstentdecker der Marsmonde aufgrund von Defiziten in seiner Persönlichkeit („Spinner!“) oder seinem Lebenslauf („Amateur!“) von den ernsthaften Astronomen nicht ernst genommen worden sein sollte, wäre das eine Erklärung. Angst vor der Reaktion der Kirche mag ihn von einer Veröffentlichung abgehalten haben, oder er hat tatsächlich ein Buch darüber geschrieben, das aber so gut wie niemand jemals gelesen hat. Das Ganze wäre dann ja so im 17. oder 18 Jahrhundert geschehen. Das wäre eine spannende Geschichte, wenn irgendwann mal so ein Buch in irgendeinem Winkel einer alten Bibliothek auftauchen und als authentisch eingestuft würde.

    1. @Captain: „Wenn etwa dieser hypothetische Erstentdecker der Marsmonde aufgrund von Defiziten in seiner Persönlichkeit (“Spinner!”) oder seinem Lebenslauf (“Amateur!”) von den ernsthaften Astronomen nicht ernst genommen worden sein sollte, wäre das eine Erklärung.“

      Wir sprechen da aber nicht von der Antike oder dem Mittelalter. Sondern der Neuzeit, wo Astronomen aktiv nach neuen Himmelskörpern gesucht haben und dabei auch erfolgreich waren: Uranus, Neptun, diverse Monde usw. Und damals gab es nicht nur im wesentlichen NUR Amateure (Profi-Wissenschaftler sind ein Phänomen der jüngsten Vergangenheit) sondern auch wissenschaftliche Journale etc.

      „Angst vor der Reaktion der Kirche mag ihn von einer Veröffentlichung abgehalten haben,“

      Was soll die Kirche für Probleme mit ein paar Marsmonden haben?

  7. @ Captain E.

    Ich finde es schwer vorstellbar, daß jemand im 17. oder 18. Jahr­hundert ein Tele­skop baut, das gut genug ist um ihm die Marsmonde zu zeigen, und dann braucht es mehr als ein Jahr­hundert, bis jemand wie­der ein ähnlich gutes zur Hand hat.

    De Mars ist ja die ganze Zeit dazwischen auch viel beobachtet worden, und zwar durchaus mit state-of-the-art-Instrumenten. Warum sollten all die Astro­nomen die Monde verpaßt haben, die schon 100 Jahre vorher von einem anderen bemerkt wurden?

  8. @Florian Freistetter:

    Vielleicht keine, aber die Angst vor einer Reaktion reicht schon aus. Und „Neuzeit“ ist natürlich ein Begriff, der mit Vorsicht zu genießen ist. Die Reise-, Kommunikations-, Aufbewahrungs- und Vervielfältigungsmöglichkeiten waren damals doch sehr rudimentär, wenn man sie mit der Gegenwart vergleicht.

    Nehmen wir nun einmal, ein unbekannter (Amateur-) Astronom reicht bei einem Journal einen Artikel ein. Niemand kennt ihn, niemand kann seine Entdeckung bestätigen, und der Artikel wird niemals veröffentlicht.

    Oder er unterhält einen Briefwechsel mit Kollegen (und auf diesem Wege hätte Kepler davon erfahren), verstirbt aber vor einer Veröffentlichung, und die Korrespondenz geht im Laufe der Zeit verloren.

    Es muss ja noch nicht einmal eine Absicht hinter so einer Geschichte stecken, aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine Entdeckung erst nicht beachtet und dann völlig vergessen wurde, war zumindest in jener Zeit größer als heute, und selbst jetzt kann sie niemals Null sein.

    1. @Captain: „Vielleicht keine, aber die Angst vor einer Reaktion reicht schon aus. „

      Ich glaube, du hast ein paar falsche Vorstellungen, was die Rolle der Kirche in der Wissenschaft des 17/18. Jahrhunderts angeht…

      „Nehmen wir nun einmal, ein unbekannter (Amateur-) Astronom reicht bei einem Journal einen Artikel ein. Niemand kennt ihn, niemand kann seine Entdeckung bestätigen, und der Artikel wird niemals veröffentlicht.“

      Lies dir mal die Artikel aus den frühen Journals des 17. Jahrhunderts durch! (Sind fast komplett online). Da wurde ALLES veröffentlicht. Leute, die sprechende Hunde gesehen haben wollen oder vom Himmel fallende Fische. Und ähnlichen Unsinn.

      „ber die Wahrscheinlichkeit, dass eine Entdeckung erst nicht beachtet und dann völlig vergessen wurde, war zumindest in jener Zeit größer als heute, und selbst jetzt kann sie niemals Null sein.“

      Das gilt für jede Aussage.

      Es ist halt einfach VIEL wahrscheinlicher, dass ein Schriftsteller halt einfach eine gute Idee hatte, die zufällig halbwegs mit der Realität übereinstimmt anstatt irgendwelche Verschwörungstheorien von unterdrückten Entdeckungen zu entwickeln. Sooo dramatisch seltsam ist die Vorstellung von Monden des Mars ja auch nicht, dass ein Autor wie Swift da nicht drauf kommen könnte. Und dass er sich kleine Monde vorgestellt hat, ist auch nicht so seltsam, denn große Monde hat der Mars ja offensichtlich nicht gehabt, sonst hätte man sie schon entdeckt. Ich bin mir auch nicht mal sicher, ob jemand im 17. Jahrhundert überhaupt so kleine Monde mit den damaligen Teleskopen entdecken hätte können.

      Ich versteh ja, dass es spannend ist, sich über so etwas Gedanken zu machen. Aber es gibt halt absolut gar keine Hinweise darauf, dass das mehr ist als nur eine spannende Geschichte…

    2. @Captain E: Hier noch ein schönes Zitat:

      „Phobos and Deimos have orbits which are about 1.4 and 3.5 diameters from Mars’ center respectively. The Laputians gave figures of 3 and 5. The periods of Phobos and Deimos are 7.7 and 30.3 hours, respectively, while the Laputians reported 10 and 21.5. These figures are correct to within an order of magnitude, which is another way of saying that they are wrong.“

      Von hier: https://theness.com/neurologicablog/index.php/jonathan-swift-predicted-the-moons-of-mars/ (der ganze Artikel ist sehr interessant)

  9. @Florian Freistetter:

    Nun ja, die Geschichte mit Galilei war ja auch gerade einmal hundert Jahre zurück. Und wenn auch der größte Quatsch veröffentlich worden ist, kann heute keiner mehr sagen, was alles nicht veröffentlicht worden ist. Wie gesagt, vielleicht ist der betreffende Mensch nicht mehr dazu gekommen, und Korrespondenzen können verloren gehen.

    Was die Umlaufbahnen angeht, so steht bei Wikipedia das 2,75-fache bzw. 7-fache des Marsradius, was viel näher bei Swift läge. In einer ruhigen Stunde müsste man das wohl mal nachrechnen, denn irgendjemand hat da offensichtlich Durchmesser mit Radius verwechselt, bis zum Beweis des Gegenteils eher der Wikipedia-Autor.

    1. @Captain: „Wie gesagt, vielleicht ist der betreffende Mensch nicht mehr dazu gekommen, und Korrespondenzen können verloren gehen.“

      Vielleicht hat er auch Atlantis entdeckt oder den Yeti und die Korrespondenz ist verschwunden? Wie gesagt: Ja, man kann nicht 100% ausschließen, dass irgendwer Marsmonde vor Hall entdeckt hat. Weil man solche Dinge NIE absolut ausschließen kann. Aber es ist enorm unwahrscheinlich. Und warum sollte gerade Swift darüber Bescheid wissen und sonst absolut niemand? Warum sollte Swift dann die Informationen falsch in sein Buch übernehmen? Usw. Man kann sich Unmengen an alternativen Historien ausdenken. Aber nur weil sie spannend und theoretisch möglich sind, sind sie deswegen nicht wahr. Es gibt KEINEN Beleg, dass jemand die Marsmonde vor Hall entdeckt hat. Und ich wüsste keinen Grund, wieso man dringend davon ausgehen müsste… Wäre genau so als wenn man behaupten würde, Gene Roddenberry hätte im Geheimen Kontakt mit einem Erfinder gehabt, der schon Jahrzehnte vor allen anderen ein Handy erfunden hat, was aber vertuscht/verloren gegangen ist. Und genau darum taucht in Star Trek ein Kommunikator auf, der exakt wie ein Handy aussieht und funktioniert. Ist nicht unmöglich, oder? Aber trotzdem käme niemand ernsthaft auf die Idee, sowas zu behaupten…

  10. @Captain E.

    In einer der letzten Sky & Telescopes gab es einen Artikel über die Auseinanderwentwicklung von professioneller und Amateur-Astronomie. Das war Ende des 19. Jahrhunderts (um 1880) erst der Fall. Ich weiß nicht mehr so genau, worum es ging, aber die Meinung eines Profis und eines prominenten und betuchten Amateurs über irgendeine Beobachtung gingen damals auseinander, die beiden fochten das öffentlich aus. Am Ende behielt der Profi Recht, weil er die wissenschaftliche Methode angewandt hatte.

    Vorher gab es diese Unterscheidung zwischen Amateur und Profi in der Astronomie so gar nicht. William Herschel war beispielsweise eher ein Amateur als ein Profi, und trotzdem sehr angesehen. Immerhin entdeckte er einen Planeten.

  11. @FF “ Leute, die sprechende Hunde gesehen haben wollen oder vom Himmel fallende Fische. Und ähnlichen Unsinn.“

    Na vom Himmel fallende Fische gibts wohl wirklich, sei es durch Wasserhosen oder aus dem Schnabel von fischenden Vögeln… und die Existenz von sprechenden Hunden ist ja wohl eindeutig seit Loriot belegt 😉

  12. Die Marsmonde sind auch nicht gerade einfach zu sehen. Die Helligkeit an sich ist zwar groß genug für ein Amateurteleskop, aber sie befinden sich sehr nahe am wesentlich helleren Mars.

    Beispielsweise sind die Jupitermonde auch hell genug für’s bloße Auge, fast so hell wie Alkor, das „Reiterlein“ über Mizar in der Mitte der Deichsel des Großen Wagen. wenn nur der helle Jupiter nicht wäre. Versucht’s mal, sie ohne Feldstecher oder Fernrohr zu sehen. Hab’s selbst schon oft versucht, auch mit Verdecken Jupiters durch ein Hindernis, hat nie geklappt.

  13. @Alderamin:

    Schon klar. Damals waren die Leute bereits Doktor zu einer Zeit, wenn wir gerade mal unser Abitur in der Tasche haben, und Professor quasi nach dem Grundstudium. Die heute bestehende gründliche Ausbildung kam erst viel später, so dass man damals als Autodidakt mit den „Studierten“ durchaus mithalten konnte. Das spricht immer noch nicht dagegen, dass ein unangenehmer Mensch, den seine Zeitgenossen für einen Spinner gehalten haben, nicht doch auf etwas gestoßen ist.

    Übrigens, wen ich mir das Zitat aus dem Gulliver noch einmal zu Gemüte führe, dann wäre der Fehler wohl der von Swift (oder seinem deutschen Übersetzer). Bei einer „Höhe“ eine Satelliten denkt man eher an den Radius, aber die Werte kämen nur dann so halbwegs hin, wenn man sie als Durchmesser versteht.

    @Florian Freistetter: Der Star Trek-Vergleich hinkt, und das weißt du natürlich auch.

    Aber gut, ich will hier gar keine Verschwörungstheorie aufbringen. Vielleicht haben Swift bzw. Kepler einfach nur gut geraten. Um aber mit Isaac Asimov (nein, nicht Newton!) zu sprechen: „Die Zwei ist eine lächerlich Zahl.“ Warum sollen es genau zwei Monde sein? Wieso nicht ein einziger wie die Erde oder gar keiner, wo der Planet doch selber so klein ist? Oder zwei „Phobosse“ und drei „Deimosse“? Aus einer geradezu unendlichen Anzahl an Möglichkeiten hat Swift eben genau jene ausgesucht, die in etwa der uns heute bekannten entspricht. Die Ungenauigkeit der Halbachsen und Umlaufzeiten taugt dabei in keine Richtung als stichhaltiges Argument, denn ein Astronom jener Zeit hätte natürlich eine grandiose Leistung vollbracht, die beiden Monde nicht nur zu finden, sondern sogar ihre Bahnen zu berechnen. Die Ungenauigkeiten könnte man ihm dann nachsehen. Aber du hast natürlich recht, dass ohne etwas schriftliches kein Weiterkommen ist.

    Wenn ich mich recht entsinne, hatte übrigens Kepler die Beobachtungsdaten von Tycho Brahe haben wollen und zumindest teilweise auch bekommen, aber der hat doch niemals ein Teleskop benutzt, oder? Und ohne geht es schon einmal gleich gar nicht, etwas so kleines wie Deimos und Phobos zu entdecken.

    aber wie erklärt es sich die Wissenschaftsgeschichte, dass den Astronomen bis in die 1960er Jahre die Auswirkungen des Gezeiteneffekts auf natürliche Satelliten so völlig durchgerutscht ist? Man hatte bis dato ja doch schon erstaunliche Entdeckungen gemacht, aber eben nicht diese, die doch zumindest simpel ausschaut.

  14. @Alderamin:

    Beispielsweise sind die Jupitermonde auch hell genug für’s bloße Auge, fast so hell wie Alkor, das “Reiterlein” über Mizar

    Äh, wat??

  15. @Bullet

    Kallisto: 5,7 mag. / bis 9′ Abstand
    Ganymed: 4,6 mag. / bis 5′
    Europa: 5,3 mag. / bis 3′
    Io: 5,0 mag. / bis 1’50“

    Alkor: 4,01 mag (zugegeben, ich hatte 4,8 im Kopf).

  16. @Alderamin:

    Alkor: 4,01 mag (zugegeben, ich hatte 4,8 im Kopf).

    Beim Reiterlein ist es meines Wissens auch eher der Test des Auflösungsvermögens des Auges für das der Stern berühmt ist und nicht die grenzwertige Helligkeit.
    Wenn man Mizar / Alkor noch ohne Brille auflösen kann, hat man eine Sehfähigkeit von mind. 125% auf der Augenarztskala. Und mit Brille weiss man dann wenigstens, dass selbige gut eingestellt ist.

    Aber dass man die Jupitermonde ihrer Helligkeit nach auch mit blossem Auge sehen können müsste wusste ich auch noch nicht. Faszinierend!

  17. Na ja, Alkor und Mizar finde ich nicht besonders schwer zu trennen (und in der Tat, an der Sichtbarkeitsgrenze ist Alkor noch lange nicht). Und meine Augen sind nicht mehr so toll. Brauche eine Brille für nah und eine für fern (und letztere, als Gleitsichtbrille ausgeführt, macht aus hellen Sternen zackige Kleckse). Epsilon Lyrae ist da eher ein Teststern.

  18. Jonathan Swift schrieb „Gulliver´s Reisen“ als satirische Parodie im Wissen und den Vorstellungen seiner Zeit.
    Ausgehend von einer Keplerischen Hypothese ( meines Wissens zu dieser Zeit bereits keineswegs unumstritten), dass jeder Planet doppelt soviel Monde habe wie der vorausgehende, sollte der Mars eben 2 Monde besitzen Zu dieser Zeit hatte (und hat) die Erde 1 Mond, der Juppiter 4 Monde, also musste logischer Weise der Mars 2 Monde haben. (wie gesagt in den Vorstellungen der damaligen Zeit). Damit wollte er auf die vermeintliche Überlegenheit der Gelehrten Laputas hinweisen. Nichts Esoterisches, verborgenes Wissen oder vatikanische Verschwörung, sondern künstlerische Freiheit und Phantasie, die zufällig mit der Realität übereinstimmte.
    P.S. Swift war ein entschiedener Gegner der Astrologie

  19. @Anderer Michael:

    Ausgehend von einer Keplerischen Hypothese ( meines Wissens zu dieser Zeit bereits keineswegs unumstritten), dass jeder Planet doppelt soviel Monde habe wie der vorausgehende, sollte der Mars eben 2 Monde besitzen

    Aha! Faszinierend! Das klingt sinnvoll und ist für mich neu. Hast du da irgendwelche Quellen?
    Schnell mal Googeln hat nichts brauchbares gebracht.

  20. PDP10
    Reclam Heft: Gullivers Reisen, Anmerkungen zum dritten Teil Seite 418 , Anmerkung Nr.47
    Ausgabe 1987
    übersetzt, kommentiert und mit Nachwort versehen von Herrmann Real und Heinz Vienken
    ISBN 3-15-000651-1

  21. @Anderer Michael:

    Hmmja .. danke. Das werd ich mir jetzt aber nicht extra kaufen sonder glaube dir das einfach mal. :-).

    Aber, wie gesagt, faszinierend und erklärt halt das Sujet von Swift. Danke für diese Info.

  22. Eine Quelle im Internet habe ich auch nicht gefunden.
    Die Anzahl der Monde hat wohl mit Kepplers Vorstellung von der Welt zu tun, wie er sie in seiner Arbeit „Mysterium cosmographicum“ darlegte. Hinzufügen ist, dass er diese spezielle Vorstellung vom Aufbau unseres Planetensystems selber verwarf.
    Zu meiner Person ergänze ich: Weder bin ich Historiker, Literaturwissenschaftler noch Astronom. Mich hatte Gullivers Reisen vor vielen Jahren interessiert und deswegen habe ich mir dieses Buch gekauft und mich jetzt an diese Anmerkung erinnert.

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