mlodinowDieser Artikel ist Teil einer fortlaufenden Besprechung des Buchs „Wenn Gott würfelt: oder Wie der Zufall unser Leben bestimmt“ (im Original: „The Drunkard’s Walk: How Randomness Rules Our Lives“) von Leonard Mlodinow. Jeder Artikel dieser Serie beschäftigt sich mit einem anderen Kapitel des Buchs. Eine Übersicht über alle bisher erschienen Artikel findet man hier.
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Im ersten Kapitel des Buchs hat Mlodinow anschaulich dargelegt, wie sehr der Zufall unser Leben bestimmt und vor allem dort, wo wir nicht damit rechnen. Das zweite Kapitel hat sich mit den grundlegenden Regeln der Wahrscheinlichkeit beschäftigt. Im dritten Kapitel präsentiert Mlodinow das fiese Ziegenproblem, das unser Unverständnis der Wahrscheinlichkeit eindrucksvoll präsentiert. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den Methoden zur Berechnung von Wahrscheinlichkeiten die vor allem Blaise Pascal im 17. Jahrhundert entwickelt hat. Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, was Wahrscheinlichkeiten in der realen Welt eigentlich bedeuten. Kapitel 6 erklärt die verwirrende Bayesschen Wahrscheinlichkeiten die für unser Alltagsleben von großer Bedeutung sind. In Kapitel 7 wechselte Mlodinow von der Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Statistik und in Kapitel 8 zeigte er, wie man die Statistik nutzen kann, um die Ordnung im Chaos finden kann.

Bei der Suche nach Mustern in komplexen Prozessen gibt es aber ein Problem: Wir finden sie auch dort, wo gar keine sind und mit den daraus erwachsenden kognitiven Verzerrungen beschäftigt sich Kapitel 9 des Buchs. Wir Menschen sind regelrecht dazu konstruiert, überall Muster zu erkennen. Mlodinows Beispiel dafür ist das Auge: Wir schätzen das, was mir „mit eigenen Augen“ gesehen haben, sehr hoch ein und selbst vor Gericht zählt die Aussage von Augenzeugen viel. Aber würde man sich ein Video mit den „Rohdaten“ ansehen, die unsere Augen produzieren, dann wäre das nicht sehr beeindruckend. Mitten im Bild befände sich ein blinder Fleck an dem nichts zu sehen ist (verursacht durch den optischen Nerv der an dieser Stelle die Retina durchquert. Nur ein sehr eng begrenzert Bereich wäre wirklich scharf; ungefähr vergleichbar mit dem Bereich den unsere auf Armlänge ausgestreckte Daumenspitze überdeckt. Um das auszugleichen bewegen sich die Augen ständig und das Blickfeld springt hin und her. Das „Augenvideo“ würde also ein verwackeltes und schlecht aufgelöstes Bild mit einem Loch in der Mitte zeigen. Trotzdem sind wir der Meinung, ein klares und deutliches Bild unserer Umwelt wahrzunehmen und das liegt daran, dass unser Gehirn aus all dem chaotischen Input ein vernünftiges Abbild der Realität extrahiert und simuliert.

Ein Muster? (Bild: Alvesgaspar, CC-BY-SA 3.0)
Ein Muster? (Bild: Alvesgaspar, CC-BY-SA 3.0)

Wir sind also darauf angewiesen, Sinn und Ordnung in lückenhaften und chaotisch erscheinenden Daten zu erkennen. Und tun das mit so großer Begeisterung, dass wir Sinn und Ordnung auch dort finden, wo defintiv keine zu finden ist. Zufällige Prozesse bringen uns in Schwierigkeiten, weil wir Zufall nicht akzeptieren und anerkennen wollen. Wenn ich ein Produkt einer bestimmten Firma kaufe und es nicht funktioniert, dann ist das nur ein einzelner Datenpunkt der nicht wirklich etwas darüber aussagt, wie gut die Produkte der Firma wirklich sind. Aber weil es mein Datenpunkt ist, ist er für mich erstmal sehr wichtiger. Wenn ich dann noch von einem Bekannten höre, der ebenfalls Probleme mit dieser Firma hat, dann sind das immer noch nur zwei Datenpunkte und genau so wenig aussagekräftig. Für mich aber ist dass sofort signifikant und ich erkenne sofort ein Muster: Die Firma produziert schlechte Produkte. Und obwohl es sich mit großer Wahrscheinlichkeit nur um statistische Fluktuationen handelt, werde ich meine zukünftigen Entscheidungen an diesem „Muster“ orientieren und in Zukunft nicht mehr bei dieser Firma einkaufen. Es ist der klassische kognitive Fehlschluss, der uns persönlich erlebten Einzelereignissen mehr Bedeutung zumessen lässt als sie verdienen. Aber Anekdoten sind eben keine Daten, auch wenn sie einem Muster zu folgen scheinen.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Vorgang, der zufällig ist und einem Vorgang, der uns zufällig erscheint. Wir sind intuitiv der Meinung, Zufall dürfe keine Muster enthalten – aber das ist falsch. Der Mathematiker George Spencer Brown hat zum Beispiel einmal ausgerechnet, dass in einer zufälligen Zahlenreihe die aus 101000007 Nullen oder Einsen besteht mindestens 10 Abschnitte zu finden sind, in denen eine Million Nullen direkt aufeinander folgen. Und es braucht keine so gigantischen Reihen. Ich habe zum Beispiel gerade via Wolfram Alpha eine Reihe mit 100 zufällig ausgewählten Nullen und Einsen erzeugt:

0, 1, 1, 0, 0, 1, 1, 1, 1, 0, 0, 0, 0, 0, 1, 1, 1, 0, 0, 0, 1, 0, 0, 0, 0, 0, 0, 1, 1, 0, 1, 1, 1, 1, 0, 0, 0, 1, 0, 0, 1, 1, 0, 0, 0, 1, 1, 1, 1, 0, 1, 1, 1, 1, 1, 0, 1, 0, 0, 0, 0, 1, 1, 1, 0, 0, 1, 1, 0, 1, 0, 1, 0, 1, 0, 0, 0, 0, 1, 1, 1, 1, 1, 1, 0, 1, 1, 0, 1, 0, 0, 0, 1, 1, 0, 0, 1, 0, 0, 1

Und sofort entdecken wir hier jede Menge Muster – zum Beispiel gibt es schon ziemlich am Anfang 5 Nullen die aufeinander folgen und ein wenig später gleich 6 Nullen hintereinander. Weiter hinten folgen 5 Einsen und 6 Einsen. Der Abschnitt „1, 0, 1, 0, 1, 0, 1, 0“ ist ebenfalls schön regelmäßig. Würde man so eine Reihe einem Menschen vorlegen und ihn fragen, ob das eine zufällige Reihe ist oder nicht, würde man den Zufall vermutlich nicht erkennen. Solche Experimente wurden schon oft durchgeführt und bis jetzt haben die Menschen dabei immer versagt. Deswegen musste Apple zum Beispiel auch die zufällige Wiedergabe der Lieder auf dem iPod weniger zufällig machen, weil sich die Käufer beschwert hatten, dass es sich nicht zufällig anhörte. Echter Zufall erscheint uns zu regelmäßig – weil wir ständig Muster sehen, wo keine sind.

Das zeigt sich nirgendwo so gut wie bei der Börse. Börsenkurse sind im wesentlichen vom Zufall bestimmt und es ist fast unmöglich zwischen einem Börsenkurs und einer zufälligen Zahlenreihe zu entscheiden. Börsenmakler, Fondmananger, Bänker und all die anderen Wirtschaftsexperten sind also – sofern sie nicht über irgendwelche Insiderinformationen verfügen – nichts anderes als Glücksspieler und es ist absurd, einige von ihnen wegen ihrer tollen Performance als „Börsenexperten“ zu bezeichnen. Das ist ein wenig so wie mit den Weinexperten aus Kapitel 7. Mlodinow zitiert jede Menge Studien die zeigen, dass die ganzen Börsenexperten über lange Zeiträume hinweg betrachtet nicht besser sind als der Zufall. Und per Zufall wird es auch immer wieder einzelne Experten geben, die lange Erfolgserien haben. Genauso wie eine Münze (siehe das Beispiel oben mit den Nullen und Einsen) durchaus mal sechsmal hintereinander auf Kopf landen kann, kann ein Fondmanager sechs Jahre hintereinander gewinnen. Das ist sogar zu erwarten, wenn der Börsenmarkt genau so ein Glücksspiel ist wie der Münzwurf. Aber da wir den Zufall nicht verstehen und in zufällige Zahlenreihen Muster interpretieren und ihnen einen Sinn geben, geben wir auch dem zufälligen Gewinner beim Börsenglücksspiel einen großen Bonus für seine beeindruckende „Leistung“.

Börse in New York. Sieht wichtig aus, ist aber eigentlich auch nur ein Casino (Bild: CC-BY-SA 3.0
Börse in New York. Sieht wichtig aus, ist aber eigentlich auch nur ein Casino (Bild: CC-BY-SA 3.0

Mlodinow bringt Bill Miller als Beispiel, der mit seinen Fonds 15 Jahre hintereinander gewann und als einer der besten Manager aller Zeiten galt (oder immer noch gilt; ich kenn mich in der Wirtschaftsszene nicht so aus). Angeblich sei die Wahrscheinlichkeit 1 zu 372529, dass seine Leistung nur auf Zufall beruht. Das nennt man die Hot-hand fallacy, den Fehlschluss, dass eine zufällige Glücks- oder Pechsträhne auf die Fähigkeiten einer Person zurückzuführen ist (wie es im Sport oft passiert). Mlodinow zeigt auch, dass die Wahrscheinlichkeit für Millers „Erfolg“ ganz anders berechnet werden muss. Zum einen sind die 15 aufeinanderfolgenden Gewinnjahre eine künstliche Verzerrung die von der Interpretation der Daten herrührt. Man kann in den Daten insgesamt mehr als 30 12-Monats-Perioden finden, in denen Miller verloren hat. Aber später betrachtet wurden nur die 15 Perioden zwischen 1. Januar und 31. Dezember. Außerdem darf man nicht verwechseln, um welche Wahrscheinlichkeit es eigentlich geht. Will man wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass speziell Bill Miller exakt im Zeitraum zwischen 1991 und 2006 immer zufällig gewinnt, dann sind die Chancen dafür wirklich sehr gering. Das entspricht der Wahrscheinlichkeit, dass ich 15 Mal hintereinander „Kopf“ erhalte, wenn ich in den nächsten 15 Jahren jedes Jahr eine Münze werfe.

Aber es gibt sehr viel mehr Manager und Börsenheinis als Bill Miller; und es gibt sehr viel mehr Intervalle als das zwischen 1991 und 2006. Man muss eher fragen: Wenn tausende Leute jedes Jahr eine Münze werfen und das mehrer Jahrzehnte lang tun, wie wahrscheinlich ist es, dass eine Person irgendwann einmal 15 Mal hintereinander „Kopf“ wirft? Die Wahrscheinlichkeit ist viel größer und im Fall von Miller liegt sie bei 75% (berechnet für einen Zeitraum von 40 Jahren). Es wäre also eher unwahrscheinlich, dass im Laufe von ein paar Jahrzehnten nicht irgendwo ein Manager auftaucht, der 15 Jahre lang hintereinander Glück hat. Aber das erscheint uns intuitiv unwahrscheinlich und wenn wir von Fällen wie Miller hören neigen wir deshalb dazu, die zufällige Glückssträhne seiner „Leistung“ zuzuschreiben.

Wir wollen eben nicht die Kontrolle verlieren. Wir fühlen uns besser, wenn wir ein Muster hinter den Dingen zu erkennen glauben und auch das zeigen jede Menge Experimente. Eines dieser Experimente (durchgeführt von Ellen Langer) bestand aus einer Lotterie: Jeder Teilnehmer bekam eine Karte mit dem Bild eines Sportlers. Ein Beutel enthielt eine Mischung aus allen Bildern die im Spiel waren und eines davon wurde gezogen. Wer das gleiche Bild besaß, hatte gewonnen. Die Hälfte der Teilnehmer bekam einfach ein Bild zugeteilt, die andere Hälfte durfte es sich selbst aussuchen. Danach durften alle Teilnehmer ihr Bilder verkaufen, wenn sie wollten. Und obwohl es natürlich egal war, ob man ein selbst gewähltes oder zufälliges Bild hat, wollten diejenigen die es selbst ausgesucht hatten, viel mehr Geld dafür haben als die anderen, denen es ziemlich egal war. Die Leute wussten zwar alle, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Gewinn nicht davon abhing, ob man sich die Karte vorher selbst ausgesucht hatte. Aber sie verhielten sich genau so, als hätte es einen Einfluss.

Es gibt noch jede Menge andere kognitive Verzerrungen, die unser Verhalten auf diese Weise beeinflussen und uns Muster sehen lassen, wo keine sind. Der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) lässt uns Informationen immer dann als relevant ansehen, wenn sie ein Muster bestätigen, dass wir uns schon vorher gebildet haben. Ein Beispiel: Welche Regel liegt dieser Zahlenreihe zugrunde und wie könnte sie weitergehen: 2,4,6, ? Klar, werden jetzt die meisten sagen, jetzt kommt 8, 10, 12 und so weiter. Wir erkennen ein Muster und akzeptieren es sofort. Und dann fällt es uns schwer, davon wieder abzulassen. Auch das wurde in einem Experiment überprüft. Selbst wenn die Versuchspersonen Vermutungen über die nachfolgenden Zahlen abgeben dürfen und der Versuchsleiter ihnen sagt ob sie richtig sind oder nicht, probieren die meisten immer nur, ihre Vermutung zu bestätigen, aber nie, sie zu widerlegen. Die wenigen, die das machen und nicht dem confirmation bias unterliegen fragen dann zum Beispiel, ob die Reihe mit 7,8,9 fortgesetzt werden kann oder mit 101,102,103 und finden so heraus, dass es einfach nur darum geht, immer größere Zahlen zu bilden und nicht, alle geraden Zahlen aufzulisten. Wer nur Bestätigung für die Vermutung sucht fragt nur nach „8,10,12“ und übersieht so das wesentliche…

Dem Bestätigungsfehler verdanken wir auch die vielen Vorurteile die über bestimmte Menschengruppen in Umlauf sind und er ist für jede Menge irrationalen Unsinns und sinnloser Diskussionen verantwortlich. Da jeder sich immer nur die Argumente aus vorhanden Daten raussucht, die die eigenen Denkmuster unterstützen und den Rest ignoriert, kann der gleiche Datensatz von Menschen mit verschiedener Weltsicht völlig unterschiedlich interpretiert werden. Und leider ist niemand sicher vor all diesen kognitiven Verzerrungen; selbst wenn wir denken, wir wären klüger als der Rest der Welt (was wir insgeheim natürlich alle denken und auch nur eine kognitive Verzerrung ist). Wollen wir etwas dagegen tun, dann müssen wir uns ständig daran erinnern, dass auch der Zufall Muster produziert und nicht überall Sinn und Ordnung zu finden ist, wo wir sie sehen…

16 Gedanken zu „Wie der Zufall unser Leben bestimmt (9): Mustererkennung und kognitive Verzerrungen“
  1. Es war durchaus ein evolutiver Vorteil, dass unser Gehirn in Zufälligkeiten Muster erkennt! Denn ein false Positive ist in einer bedrohlichen Welt stets besser als ein false Negative!
    Wenn ich ein Raubtier im Busch nicht entdecke, weil mein Gehirn eher meint, die Muster im auge seien zufällig, wird mein evolutionärer Erfolg einfach geringer sein, als wenn ich in vielem zufälligen Windgeraschel Gespenster seh.

    1. @Roboterprotzkopf: Ich hab dir schon öfter gesagt, dass es mir auf die Nerven geht, wenn du mich hier als die neue Lichtgestalt des Atheismus anpreist. Das kann ich nicht ernst nehmen und diese Lobhudelei ist (wenn sie immer und immer wieder kommt) auch genau so nervig wie es dauernde Beleidigungen im negativen Sinn wären. Ich weiß nicht ob du das ernst nimmst oder mich tatsächlich verarscht. Aber ich bin ein Wissenschaftsblogger und nicht der nächste Papst der Atheisten. Und du musst auch nicht bei jedem Artikel dazu schreiben, dass gläubige Menschen doof sind. Das ist nämlich 1) falsch und 2) passt es selten zum Thema. Hier jedenfalls nicht.

  2. Die quasi Zufälligkeit für die Börse gilt „nur“ für kurz- und mittelfristige Geschäfte und nur für einzelne Aktien, Fond, etc.. Langfristig und für die gesamte Börse sind schon Muster zu erkennen mit relativ periodischen Aufs und Abs. Diese hängt aber weniger mit der Wirtschaftsleistung der einzelnen Unternehmen ab, sondern vom Herdeneffekt. Dieser Effekt wird zusätzlich verstärkt durch die Medien.

    Man könnte hier fast schon von einer selbsterfüllenden Prophezeihung reden.

    1. @Berlin: Nur dass der Meteorologie ja tatsächlich exakte Naturgesetze unterliegen, die halt einfach auf zu komplexe Art und Weise zusammenspielen, um eine simple Auswertung und Vorhersage zu erlauben. Die Börse dagegen ist ein fast echter Zufallsprozess und Wirtschafts“wissenschaft“ keine exakte Naturwissenschaft die exakte Gesetze wie in der Meteorologie aufstellen kann.

  3. Dass es langfristig mehr erfolgreiche als erfolglose Börsen“experten“ gibt ist auch logisch: das gesamte Börsensystem ist auf permanentes Wachstum ausgelegt (was bei endlichen Resourcen schon einmal Unfug ist). Und dementsprechend steigen die diversen Aktienindizes ja auch seit Jahrzehnten an (kleinere Krisen mal rausgemittelt). Was nicht erfolgreich ist, wird also erfolgreich gemacht. Schon gruselig, wenn man bedenkt, was da oftmals so auf dem Spiel steht. Und da dank Tiefzinspolitik der EZB Aktien heutzutage fast die einzige Anlageform geworden sind, bei der man auf lange Sicht eine Chance hat, die Inflation auszugleichen, kann man dieser Zockergesellschaft kaum noch entgehen.

  4. Eigentlich komisch, dass der Glücksspielparagraph (oder wie das Ding heißt) dann bei der Börse nicht greift. Eigentlich müsste hier doch auch zumindest eine Warnung vorgeschrieben sein, wie beim Lotto. Ich persönlich hab jedenfalls auch immer ein sehr komisches Kribbeln im Nacken, wenn ich an die Börse denke, ich finde das ein gefährliches System. Bisher konnte ich mich auch erfolgreich weigern, Aktien zu kaufen. Demnächst muss die Altersvorsorge geregelt werden, mir graut es schon…

  5. Wenn ich dann noch von einem Bekannten höre, der ebenfalls Probleme mit dieser Firma hat, dann sind das immer noch nur zwei Datenpunkte und genau so wenig aussagekräftig. Für mich aber ist dass sofort signifikant und ich erkenne sofort ein Muster: Die Firma produziert schlechte Produkte.

    Das widerspricht aber dem eben diskutierten Phänomen von Bayes.

    Wenn ich ein Mobiltelefon, einen Staubsauger oder ein TV-Gerät kaufe erwarte ich, dass es nicht zufälligerweise funktioniert, sondern mit hoher Sicherheit. Wenn mehr als 1% der Geräte defekt sind, dann ist das ein mangelhaftes Qualitätsmanagement.

    Die Chance, dass der Defekt ein zufälliger ist, wie er immer mal auftreten kann ist bei einem Gerät noch hoch – bei 2 von 2 Geräten ist es schon rational auf ein prinzipielles Problem zurückzuschließen.

    Bei Conrad gab es vor ein paar Jahren Prepaidtelefone mit Radiofunktion für unter 15€. Das erste schaltete sich immer innerhalb von 24 Stunden selbständig aus. Immer wieder. Umgetauscht – das nächste zeigte die gleiche Symptomatik. Der Händler widersprach meiner Vermutung, dass das ein Fehler der Serie sei und behauptete ich sei der einzige Kunde der reklamiert, auch noch beim 5. Gerät mit den gleichen Symptomen, gab mir dann aber doch ein anderes Modell. Der Abverkauf der Pyramide mit den restlichen Geräten ging unverändert vonstatten.

    Im Alltag hat man es nun mal mit Anekdoten zu tun – ich kann vor dem nächsten Kauf keine wissenschaftliche Untersuchung studieren, weil zu solchen Fragen keine derartigen Studien existieren. Und wenn der Bus 2x zu spät kommt bin ich vorsichtig, und rechne damit, dass er beim dritten Mal auch zu spät kommt. Nicht so, dass ich mich drauf verlasse, aber so dass ich mich nicht drauf verlasse, er werde schon pünktlich sein.

    1. @Stefan W: „Im Alltag hat man es nun mal mit Anekdoten zu tun „

      Und Anekdoten sind eben keine Daten und nicht verlässlich. Genau darum geht es ja. Wenn einmal ein Türke unfreundlich zu dir ist, folgt daraus ja auch nicht, dass alle Türken unfreundlch sind – oder das es angebracht wäre, in Zukunft beim Umgang mit Türken „vorsichtig“ zu sein. Nur weil DU ein Muster in deinem persönlichen Erleben zu erkennen meinst heißt das nicht, dass das Muster auch tatsächlich da wäre.

  6. @naturundwirtschaft: Nicht fast von selbsterfüllender Prophezeiung ist zu reden, sondern ausschließlich von solcher.

    Wenn die US-Notenbank A sagt, dann führte das angeblich zur Kurssteigerung bei Aktienwert m – bei Aktienwert n aber seltsamerweise nicht – ohne Begründung. Beim nächsten Mal, wenn die Fed A sagt und der Kurs steigt bei m nicht, dann war es bereits eingepreist, weil die Aktionäre schon längst damit rechneten – ungeachtet der Frage, ob nicht beim letzten Anstieg eine solche Einpreisung auch hätte gegeben sein müssen. Und auch nächste Woche gibt es wieder An- und Abstiege die auch zuvor schon hätten eingepreist sein können.

    Auch reden die Börsen gerne von Widerstandslinien, die Kurse bei glatten Werten wie einem Kurs von 4000 angeblich haben. Bei einem Wert ist dies durch selbsterfüllende Prophezeiung noch plausibel – bei aggregierten Werten wie dem DAX dagegen erscheint es doch arg an den Haaren herbeigezogen.

  7. @Stefan W.

    Dazu zwei Dinge:
    Erstens sollte man nicht dem Fehlschluss unterliegen, dass derartige Erfahrungen immer nur dem Zufall geschuldet sind, es kann natrürlich da auch mal was dran sein :-).

    Im von Dir geschilderten Fall kommt ja noch die Kommunikationslücke dazu – woher will der Verkäufer wissen, dass es nie solche Reklamationen gäbe? Was wenn es bloß Zufall ist, dass von 10-15% derart spinnerten Geräten nie eines bei ihm reklamiert wurde? Und wer sagt, dass der Verkäufer die Wahrheit sagt? Der Mann hat Eigeninteressen bzw. Firmeninteressen zu wahren und taugt nicht oder jedenfalls kaum als Objektivierungsmaß.

    Zweitens: In Zeiten des Internets ist es nahezu unmöglich, bei einem x-beliebigen technischen Gerät nicht mindestens eine Handvoll Leute mit dem selben Problem ganz einfach zu finden. Selbst, wenn nur eines von 20.000 Geräten einen Defekt hat. man bekommt solche Leute ja auch quasi auf dem Silbertablett serviert, indem man nach dem Gerätedefekt suchen kann und dann immer auch in den Nischen landet, wo die Betroffenen sich sammeln. Von den 19999 zufriedenen Kunden die auf einen Unzufriedenen wird man dort sicher nicht die gleiche Intensität der Berichterstattung finden – auch da wieder ein Kommunikationsbias: Wer zufrieden ist, kommuniziert das weniger intensiv als der Unzufriedene.

    Naja, ich handhabe es so: Wenn etwas defekt ist, dann hängt es vom Wert ab wie ich verfahre: Zweite Chance oder gleich Tonne und dann was vom Wettbewerber. Ich mache mir nicht die Mühe, meine Entscheidung noch zu objektivieren – selbst wenn es möglich wäre, dies mittels Mängelstatistiken etc. zu tun. Warum auch? In der Abwägung von finanziellen und kognitiven Kosten und Nutzen ist das bei vielen Alltagsdingen sowieso ineffizient. Das hat sich wohl auch evolutionär erwiesen, sonst würde das Wildschwein im Wald erst einen Persönlichkeitstest und Motiv-test machen mit dem Gallier der da durchs Unterholz bricht 🙂
    Peinlich wird es für das Wildschwein erst, wenn es seine anekdotische Erfahrung dann als einzig wahre Wahrheit verkauft und Gegenbelegen gegenüber taub und blind ist.

  8. Herr Freistetter, Ihre scienceblogs finde ich als alter, absoluter Laie einfach toll. Dafür möchte ich einmal danke sagen.
    Hinsichtlich „Alltag und Anekdote“ fiel mir die Anekdote ein, bei der ein englischer Journalist Anfang des vorigen Jahrhunderts bei seiner Landung in Hamburg einen rothaarigen Hotelportier erlebte. Darauf stand in seinem Artikel: „Alle Hotelportiers in Hamburg sind rothaarig.“. Ob er es selbst glaubte?

  9. @knorke …

    Danke. Was noch fehlt ist m.E. der Umstand, dass der Mensch im allgemeinen wohl eher eine Wortspende abgibt, wenn etwas NICHT wie erwartet funktioniert. Und daher die 19.999 zufriedenen Benutzer des Gerätes zwar die schweigende Mehrheit darstellen, dem 20.001. Anwender aber nur der eine auffällt, der eben das gleich Problem hatte.

    Das behaupte ich jetzt mal ohne entsprechende Studie. So rein aus dem subjektiven Gefühl heraus und aus der Beobachtung (des beschränkten Samples) von Feedbackkommentaren auf Shopseiten.

    🙂

  10. Diese Aussage:

    „Der Mathematiker George Spencer Brown hat zum Beispiel einmal ausgerechnet, dass in einer zufälligen Zahlenreihe die aus 10^1000007 Nullen oder Einsen besteht mindestens 10 Abschnitte zu finden sind, in denen eine Million Nullen direkt aufeinander folgen.“ ist etwas ungünstig formuliert. Also ein ‚typischerweise‘ oder ‚im Mittel‘ hätte dem Satz ganz gut getan. Garantiert ist es ja nicht.

    Das mit den psychologischen Tests hat mich übrigens zum Einen an die Grenzen von IQ-Tests erinnert, in denen man ja nicht nach der ‚einen‘ Lösung sucht, sondern nach dem ‚einfachsten‘ Algorithmus die Zahlenreihe fortzusetzen, zum anderen aber auch an ein anderes psychologisches Experiment. Dort hat man beobachtet, dass Lottespieler nicht gerne andere Spieler ihre Zahlen abschreiben lassen. Man kann natürlich begründen, dass ,sollte man tatsächlich gewinnen, was ja sehr unwahrscheinlich ist, man sich das Geld ja teilen müsse, aber man denkt doch unbewusst wohl sowas, wie, dass der Abschreiber es nicht aus eigener Leistung geschafft habe.

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